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November 13, 2009

Der Moment

Ich habe nichts als

die Nacht aus

100 x 100 Nebellichtjahren



Ich habe nichts als

die Stunde aus 60 x 60 Sekunden



Ich habe nichts als den Moment



Der Moment st meine Schöpfung

die Brücke von meinem

Staubgeist zum Sterngeist

Der Moment ist mein Flügel

zum Flügel des nächsten Moments



Ich habe nichts als den Flügel

Ich habe nichts als die Schöpfung

Ich habe nichts als den Moment



Rose Ausländer

Published at 12:15 ( 2 comments / 32 visits )
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October 27, 2009

Vor dem Weltklima-Gipfel : Das Signal

Ein Gerücht geht um

in den Kontinenten

und Ozeanen

bis zum Apex der Erde

ein ungenaues Gesumm:

ENDE - UMGESTALTUNG



Menschen sitzen in Sälen

aus Spiegeln und Glas

und warten auf ein Signal



Meere halten den Atem an

in Erwartung anderer Wasser

Gipfel messen sich

unter dem Starrblick der Sterne

Völker beäugen einander

von Glaswand zu Glaswand

in Furcht vor Vermengung



Sie sitzen in Sälen

aus Spiegeln und Glas

jedes in seiner

hermetischen Kapsel

und warten auf das Signal



Rose Ausländer (geschrieben ca. Ende der 50er Jahren) veröffentlicht in: Blinder Sommer 1965

Published at 12:03 ( 1 comment / 31 visits )
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October 14, 2009

Ein Kubikmeter genügt

Ein Mathematiker hat behauptet,

dass es allmählich an der Zeit sei,

eine stabile Kiste zu bauen,

die tausend Meter lang, hoch und breit sei.



In diesem einen Kubikmeter

hätten, schrieb er im wichtigsten Satz,

sämtliche heute lebenden Menschen

(das sind zirka zwei Milliarden!) Platz!



Man könnte also die ganze Menschheit

in eine Kiste steigen heißen

und diese, vielleicht in den Kordilleren,

in einen der tiefsten Abgründe schmeißen.



Da lägen wir dann, fast unbemerkbar,

als würfelförmiges Paket.

Und Gras könnte über die Menschheit wachsen.

Und Sand würde draufgeweht.



Kreischend zögen die Geier Kreise.

Die riesigen Städte stünden leer.

Die Menschheit läg in den Kordilleren.

Das wüsste dann aber keiner mehr.



Erich Kästner (1935)

Published at 11:04 ( 1 comment / 41 visits )
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October 7, 2009

Durch und durch

Wir sind alle

nur für kurz hier eingefädelt,

aber das Öhr

hält man uns seither fern,

uns Kamelen.


Ilse Eichinger

Published at 12:02 ( 0 comments / 36 visits )
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October 3rd, 2009

Das Lächeln der Mona Lisa

Ich kann den Blick nicht von dir wenden.

Denn über deinem Mann vom Dienst

hängst du mit sanft verschränkten Händen

und grienst.



Du bist berühmt wie jener Turm von Pisa,

dein Lächeln gilt für Ironie.

Ja ... warum lacht die Mona Lisa?

Lacht sie über uns, wegen uns, trotz uns, mit uns, gegen uns -

oder wie?



Du lehrst uns still, was zu geschehen hat.

Weil uns dein Bildnis, Lieschen, zeigt:

Wer viel von dieser Welt gesehen hat -

der lächelt, legt die Hände auf den Bauch und schweigt.



Kurt Tucholsky

Published at 20:44 ( 0 comments / 27 visits )
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October 1st, 2009

Bin wieder da - I'm back again

Nach 4 Wochen Unterbrechung habe ich jetzt einiges nachzuholen: viele, viele Bilder anschauen, die in den letzten Wochen von Euch hochgeladen wurden, eigene Bilder bearbeiten und hochladen. Deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn es etwas dauert, bis wieder Kommentare von mir kommen.



Published at 11:43 ( 1 comment / 34 visits )
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August 24, 2009

Kreisen

Wieder ein Jahr als Ring

in den Baum gewachsen

der stillsteht und

ahnungslos kreist

mit der Erde



Auch die Geschöpfe

merken nicht dass sie kreisen

und Jahre sie einkreisen

atemstark

wie den Baum



Rose Ausländer

Published at 10:45 ( 1 comment / 65 visits )
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August 19, 2009

Wunderliches Wort

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!

Sie zu halten, wäre das Problem.

Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,

Wo ein endlich SEIN in alledem?



Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen

Jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:

Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,

Und das willig Liegende verschwimmt -



Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -

Aber auch in ihnen flimmert Zeit.

Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt

Obdachlos die Unvergänglichkeit.



R.M. Rilke

Published at 17:54 ( 2 comments / 69 visits )
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August 12, 2009

Zu guter Letzt

Als Kind wußte ich:

Jeder Schmetterling

den ich rette

jede Schnecke

und jede Spinne

und jede Mücke

jeder Ohrwum

und jeder Regenwurm

wird kommen und weinen

wenn ich begraben werde



Einmal von mir gerettet

muss keines mehr sterben

Alle werden sie kommen

zu meinem Begräbnis



Als ich dann groß wurde

erkannte ich:

Das ist Unsinn

Keines wird kommen

ich überlebe sie alle



Jetzt im Alter

frage ich: Wenn ich sie aber

rette bis ganz zuletzt

kommen doch vielleicht zwei oder drei?



Erich Fried: Es ist was es ist

Published at 12:23 ( 2 comments / 71 visits )
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August 7, 2009

Nordstrand

Schlafen uns schön unter

Dem sturmabweisenden

Dach sehen den

grünenden Himmel

über tief

Blauen Wiesen die Katzen

Fliegen zum Rauchfang her

Rauß und hinein die

Wolken in fünf Etagen



Sarah Kirsch

Published at 12:22 ( 1 comment / 43 visits )
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August 4, 2009

Wir sind die Treibenden

Wir sind die Treibenden.

Aber den Schritt der Zeit,

nehmt ihn als Kleinigkeit

im immer Bleibenden.



Alles das Eilende

wird schon vorüber sein;

denn das Verweilende

erst weiht uns ein.



Knaben, o werft den Mut

nicht in die Schnelligkeit,

nicht in den Flugversuch.



Alles ist ausgeruht:

Dunkel und Helligkeit,

Blume und Buch.



R. M. Rilke, Sonette an Orpheus, 1. Teil, Nr. XXII

Published at 12:34 ( 1 comment / 48 visits )
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July 10, 2009

Heiter

Nach soviel

Nebel

enthüllen sich

einer

um den andern

die Sterne



Ich atme

die Frische

aus der Farbe

des Himmels



Ich begreife mich

ein flüchtiges Bild



Hinter ein unsterbliches

Licht geführt.



Giaccomo Ungaretti

Published at 17:39 ( 6 comments / 81 visits )
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June 20, 2009

Eigentlich

Eigentlich bin ich ganz anders; ich komme nur so selten dazu.

Ödon von Horvath

Published at 21:54 ( 2 comments / 93 visits )
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June 20, 2009

Ein und derselbe Wind

Ein und derselbe Wind streift

über die Kiefern am Berg

und die Eichen im Tal -

Warum klingt ihr Rauschen

denn so verschieden?



Dogen

Published at 00:14 ( 0 comments / 62 visits )
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June 7, 2009

Staubmeer

Das Meer

seine Bewegung

sein Rauschen

seine Farben



Durch unsern immerbewegten

Körper

rauscht der Lebensstrom



Weltgefärbt

färben wir die Welt

mit Gedanken

münden

ins Staubmeer



Rose Ausländer

Published at 17:13 ( 0 comments / 69 visits )
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June 3rd, 2009

Leben

Leben

wie ein Baum

einzeln und frei

und brüderlich

wie ein Wald

das ist unsere Sehnsucht.



Nazim Hikmet

Published at 12:11 ( 2 comments / 40 visits )
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June 2nd, 2009

Der Welt lauschen

Jedesmal, wenn sich irgendwo in unserer Zivilisation ein leerer Raum auftut, beeilen wir uns - statt dass wir darin eine Gelegenheit sehen, unser Lebensgefühl zu vertiefen - , ihn mit Lärm, Spielzeug und "Kultur" zu füllen.

Deshalb brauchen wir Orte, wie den Indianerhüttensee. Orte, an denen wir "der Welt lauschen" können..... Vielleicht können wir lernen, wieder der Welt zu lauschen. Wer weiß, welches Geheimnis sich uns entdeckte?

Der Welt lauschen....

Kenneth White: Der blaue Weg. Eine Reise

Published at 16:12 ( 2 comments / 55 visits )
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May 31, 2009

Stille sitzend

Stille sitzend, nichtstuend,

kommt der Frühling,

und das Gras wächst von allein.



Basho

Published at 10:53 ( 2 comments / 55 visits )
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