[...]Mal was ganz anderes: Ist es möglich, dass Du zur Frankfurter Buchmesse kommst? Dort werde ich nämlich am jetzigen Sonntag (19. Oktober) mehrere Termine mit Verlagen wahrnehmen [...]
So fing das an, das mit mir und der Buchmesse. Natürlich ganz knapp und spontan und klar komm ich.
Auf die Schnelle stelle ich mir meinen Messetagesablauf zusammen, der vor allem aus im-Zug-sitzen bestehen wird. Hin knapp 5,5 Stunden, zurück genauso, vielleicht auch nur 3,5, wenn ich einen Grund finde, fast den doppelten Preis für den ICE auszugeben. Für Justine würde es fast mehr Sinn machen, hinzufahren, doch sie will nicht. Zu viel Stress, zu spontan, och nee. 15 Stunden vor meiner Abfahrt beginnt sie das Grübeln und 12 Stunden, bevor ich eigentlich in den Zug zu steigen gedenke, ist sie damit fertig: meine begnadetere Hälfte kommt also doch ganz spontan mit zur Messe und beschert mir damit drei Stunden mehr Schlaf.
Am nächsten Morgen checke ich kurz vor der Abfahrt noch meine Mails, ob die angeforderte Journalistenkarte da ist. Nichts. Und dies soll nur ein Vorgeschmack auf eine komplett kundenfeindliche und katastrophal organisierte Massenkonsumveranstaltung sein.
Keine Pressekarte macht ja nichts, da sind noch Freikarten vom Verlag. Leider sind die Freikarten um halb zehn, als ich mit dem Freikartengeber (*g*) telefoniere, bereits auf dem Messegelände und ich auf dem Rastplatz Spessart Süd. Eine wie auch immer geartete Übergabe kann nicht stattfinden, denn: er hat einen Termin um elf am einen Ende des Geländes, ich habe einen Termin um elf am anderen Ende des Messegeländes.
Man muss alles positiv sehen. So muss ich wenigstens nicht für den Bus vom Parkhaus zum Bahnhof zahlen, denn die Benutzung des ÖPNV ist im regulären Messeticket drin. Nur leider gibt es am Parkhaus keine Möglichkeit, Eintrittskarten zu kaufen, deshalb fahren wir schwarz.
Im Bus strahlt mich ein Plakat an, das für eine Hotline wirbt, die alte schwule Männer beraten möchte. Mir wird warm ums Herz. In so einem Klima möchte ich wieder leben, da, wo im Bus ein schwuler Mann klebt und nicht der Papst.
Wir stehen nach einer kurzen Busfahrt lange in der Schlange an der Kasse und ich schaue mir die anderen Messebesucher an und überlege, was sie sich von dieser Messe versprechen. Die Frau vor uns kann eigentlich nur nach den neuesten Pro-Ana-Büchern Ausschau halten, was sie als Oberschenkel präsentiert, ist bei mir ein Unterarm und ich habe einen gesunden BMI.
Leider bleibt die Kamera noch im Rucksack, weil ich viel vorhabe und sparsam mit den Bildern sein will.
Irgendwann kommen wir endlich an die Reihe. Die gute Frau an der Kasse kann irgendwie kein Deutsch, scheint überhaupt keine Ahnung zu haben und muss immer wieder nachfragen, vertut sich. Es nervt. Und es ist nur der Anfang.
Als wir endlich die Karten haben, wedeln uns gelangweilte Aufpasser durch und wir rasen zu der Halle, von der ich glaube, dass ich dort einen Termin haben werde. Bedauerlicherweise ist die Halle anders beschriftet als im Hallenplan auf der Internetseite der Messe angegeben, so dass wir ein paar Minuten mit Stehenbleiben, Herumgucken, ob woanders das dransteht, was wir suchen und Beraten vertrödeln.
Schliesslich gehen wir hinein und stellen fest, dass die Ausschilderung unter aller Sau ist. Das Erdgeschoss renne ich ab - nichts. Erster Stock. Nein, nicht erster Stock, sondern eine Zwischenebene. Im ersten Stock hinten eine Ecke, wo es sein könnte, aber nicht ist. Ich frage eine Frau an der Info. Sie sieht mich freundlich mit einem leeren Blick an und äußert eine Vermutung, wo ich finden könnte, was ich suche, aber sicher ist sie sich nicht.
Also suche ich weiter und finde auch tatsächlich eine vielversprechende Ecke, laufe dort herum, suche - nein, jemand anders.
Vorne ist wieder eine Infotheke. Zu irgendwas müssen diese Weibchen doch gut sein, also frage ich wieder. Sie kramt in Papierbergen, fragt dreimal nach, sucht und kann dann zumindest eine Halle angeben, erklärt mir, wie ich dort hinkomme. Besser als nichts, denn mittlerweile bin ich knapp eine halbe Stunde zu spät.
Ein paar Minuten später komme ich in der richtigen Halle an und finde natürlich nicht sofort den Platz, an dem ich verabredet bin. Als ich ihn finde, ist meine Verabredung nicht da, die Veranstaltung beendet. Zu Atem kommen.
Hinter mir, Ihr ahnt es schon, steht ein Infostand mit ein paar Frauen dahinter, die wieder genauso hübsch wie dumm sind.
Der Name, den ich ihnen nenne, sagt ihnen nichts. Es muss eine weitere Frau geholt werden, die lesen kann und auf die Liste schaut. Die Frau teilt mir mit, dass die Lesung um elf beginnen wird. Ich mache sie darauf aufmerksam, dass es bereits viertel vor zwölf ist und sie schaut mich an, als hätte ich sie angespuckt. Ich möchte wissen, ob die Lesung überhaupt stattgefunden hat, ob es Sinn macht, dass ich warte. Das weiss sie leider nicht.
Wie gesagt, der Infostand befand sich direkt gegenüber der Leseecke.
Auf dieser Messe waren eindeutig die allerdümmsten und inkompetentesten Frauen Deutschlands vertreten. Dieter Bohlen hätte seine helle Freude gehabt. Ich nicht.
Nach einer dreiviertel Stunde Warten gebe ich auf und beschliesse, auf einen Anruf zu warten. Ich schreibe einen Zettel und darauf, wann ich wo sein werde und möchte ihn eigentlich an der Information abgeben.
Die Tussi guckt mich von oben bis unten an und will wissen, wer ich eigentlich bin. Dass wissen sie sowieso nicht, ich möchte, dass sie den Zettel hergeben, wenn danach gefragt wird.
Sie hätte dort aber schon so viele Zettel. Wofür sie denn da sei, wenn sie diesen Zettel nicht annehmen will? Nun möchte sie eine Visitenkarte von mir haben.
Herrgott du dumme Schlampe, ich bin glücklich, dass ich mein Akkuladegerät dabei habe und du Dummerchen willst eine Visitenkarte? Sonst noch was?
Ich erkläre ihr so ruhig wie möglich, dass mein Name und meine Telefonnummer bekannt seien und sie nichts anderes tun muss, als diesen Zettel herausgeben, wenn derjenige fragt, ob eine Nachricht für ihn hinterlegt sei.
Es kommt mir fast so vor, als habe sie etwas zum ersten Mal verstanden, denn auf einmal lächelt sie und nickt. Ich würde am liebsten laut schreien, bedanke mich artig und gehe. Auf meinem Handy ist eine SMS angekommen, wo ich denn wohl wäre. Ich rufe zurück, stelle fest, dass man kaum was verstehen kann, bekomme dann noch eine SMS mit dem genauen Standpunkt.
Halle, Gang, Stand.
Ganz einfach.
Sollte man meinen.
Die Messegötter aber haben sich den Spaß gemacht, die Gänge nicht groß außen anzuschreiben, sondern man muss in einen Gang hineingehen, mit ungefähr 250 Menschen zur gleichen Zeit, um nach ein paar Metern dann erkennen zu können, dass es sich um Gang D handelt. Dann muss man sehen, wie man wieder herauskommt und die gleiche Prozedur im Nachbargang wiederholen, um so festzustellen, in welche Richtung man sich durcharbeiten muss, um in Gang G zu gelangen.
Diesen Spaß konnte man in allen Hallen erleben. Diese Messe schien mir zu großen Teilen komplett ohne Hirn geplant worden zu sein.
Das Handy höre ich auch nicht klingeln. Muss ich aber, weil meine Tochter abgedampft ist, um sich Kinderbücher anzugucken. Wenn sie genug geguckt hat, wird sie mich anrufen, damit ich sie aufpicken kann. Also stelle ich das Ding auf Vibrationsalarm und stopfe es mir in den BH, was sehr effektiv ist und im Laufe des Tages einige amüsierte Gesichter hervorrufen wird. Na und, ich merke es wenigstens, wenn ich angerufen werde, Beule hin oder her.
Der weitere Ablauf des Tages bestand daraus, viele nette Menschen kennenzulernen, so konzentriert wie möglich zu arbeiten, ein Vermögen für einen winzigen Salat auszugeben, der nach Pappe schmeckte und ab und an mal ein paar Minuten für mich zu haben. Ich blättere in ein paar Fotobüchern und wünsche mir, dass die Männer endlich aufhören würden, zu versuchen, Frauen erotisch zu fotografieren. Heterosexuelle Männer können das einfach nicht. Die können nur billige Männerfantasien einfangen. Ich ärgere mich und lasse die blöden Bücher liegen, mache ein paar langweilige Bilder von der Terrasse hinunter. Hier inspiriert mich einfach nichts. Ich finde es schrecklich.
Die Überraschung des Tages ist der Eichborn-Stand. So viele nette und zuvorkommende Menschen, das glatte Gegenteil der Messeorganisation. Ich mache etliche schöne und ruhige Fotos.
Am Nebentisch sitzt ein Mann mit interessanten Tätowierungen. Eigentlich würde ich ihn gerne fragen, ob ich ihn fotografieren darf, aber um ihn herum ist so viel los, dass ich nicht stören möchte. Später erkenne ich ihn wieder auf dem Cover des Buches, das er herausgebracht hat.
Ich sollte mich schämen für all mein Nichtwissen.
Nach Herumstöbern im Netz nach diesem Autor bin ich entsetzt. Keines der Bilder, die ich finde, zeigt den Mann, den ich gesehen habe. Ich ärgere mich noch jetzt beim Schreiben, dass ich nicht einfach hingegangen bin. Er sah aus wie jemand, mit dem ich Spaß beim Fotografieren gehabt hätte.
Am Ende des Tages muss noch ein Interview fotografiert werden, danach ist Chill Out bei Eichborn angesagt. Herr Oschmann, von dem ich bis zu dem Tag nicht einmal wusste, dass es ihn gibt, beschreibt sein Gefühl, wie es ist, von zwei Seiten fotografiert zu werden, sehr schön und so, dass ich diesen Satz wohl nie vergessen werde.
Wir verlassen langsam die Halle, sitzen lange im wartenden Bus, in den der Gestank der Klimaanlagenabluft zieht und unsere Hirne vernebelt. Ein letzter schöner und sehr treffender Eindruck dieser Messe. Freiwillig werde ich diese Konsumscheiße sicher nie aufsuchen.
Aus dem Parkhaus heraus mache ich noch ein paar Abendfotos und dann geht es wieder zurück, mit Zwischenstopp an irgendeinem Rasthof, ich bin zu sehr gefüllt mit Messeeindrücken, um mir den Namen merken zu können, hier tauschen wir unsere gesammelten Pipigutscheine in Essen und Kaffee um.
Ein anstrengender Tag. Viele nette Menschen, leider auch viele, die nur Hülle waren. Wieder mal die Menschen anders, als ich sie eingeschätzt hätte. Statt Hilfs-Bereitschaft hilf-lose Dummheit und statt erwarteter Arroganz ehrliche Herzlichkeit. Manchmal könnte ich mich für meine Vorurteile ohrfeigen.
Und auch wieder die Bestätigung, dass ich nicht für solche Massenevents gemacht bin. Zu viele Menschen machen mich kirre, bringen mich aus dem Konzept, nehmen mir die Fähigkeit, mich auf einen einzelnen Menschen zu konzentrieren. Es war eine spannende Erfahrung und beim nächsten Mal werde ich ein paar Sachen besser machen und organisieren.
Vor allem werde ich das vorbereitete Essen aus dem Auto mitnehmen ;-).