Vor nicht langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf in Norddeutschland ein fünfjähriges Mädchen Namens Roswitha. Da all ihre Freunde ihren Namen viel zu lang und schwierig fanden, nannte sie jedermann einfach Rosi.

Rosis Eltern hatten einen großen Bauernhof mit Kühen, Schweinen, Hühnern, zwei Ziegen, vielen Katzen und zwei gefährlichen Hofhunden, die knurren und böse die Zähne fletschen konnten. Unter diesen Tieren hatte Rosi zwei ganz besondere Lieblinge. Zum einen war dies Pinki das Ferkel und zum anderen eine alte humpelnde Katze mit dem merkwürdigen Namen Miss Glimmerauge. Niemand wußte mehr genau, wer der Katze einmal diesen komischen Namen gegeben hatte.

Pinki war für Rosi der einzige richtige Spielkamerad, mit dem sie so richtig herumtoben konnte. Alle Erwachsenen hatten immer sehr viel Arbeit. Wollte Rosi einmal etwas fragen, so sagte man: “Jetzt nicht Kind, siehst Du nicht, ich habe viel zu tun und jetzt keine Zeit.“ So hatte es sich Rosi mittlerweile angewöhnt mit dem Ferkel zu spielen und der alten Katze Miss Glimmerauge ihre geheimsten Wünsche zu erzählen. Miss Glimmerauge saß immer geduldig da und hörte sich Rosis Probleme an. Sie lief wenigstens nicht sofort weg, wie ihre Eltern und Großeltern es immer taten.

Eines Tages kam der Zeitpunkt, an dem Pinki ein halbes Jahr alt wurde. Der Vater sagte zu Rosi, es sei nun an der Zeit aus dem Schwein Wurst zu machen. Rosi erschrak fürchterlich. Sie weinte, flehte und bettelte bei ihrem Vater, der Pinki, ihren besten Freund, doch bitte am Leben lassen sollte. Der Vater sagte jedoch hart: „Schweine sind dazu da um geschlachtet zu werden und damit basta!“

Rosi war völlig verzweifelt, sie wußte nicht mehr was sie tun sollte. Mit Tränen in den Augen lief sie in den Stall, wo in einer dunklen Ecke auf warmen Stroh Miss Glimmerauge lag. „Ach, Miss Glimmerauge, was soll ich nur tun? Wenn mein Vater Pinki wirklich schlachtet, habe ich doch niemanden mehr mit dem ich spielen kann“, sniefte Rosi und sah Miss Glimmerauge dabei sehr traurig an. „Sag mir doch bitte, was ich tun soll“, flehte sie, „auch wenn Du noch nie mit mir geredet hast, so mußt Du doch heute eine Ausnahme machen. Das ist ein Notfall, bitte, bitte, bitte!“ Miss Glimmerauge sah Rosi mit ihren großen grünen Augen traurig an und gab ein klägliches „miau“, von sich.

Mit Augen, die von Tränen naß waren, sah Rosi der Katze tief in die Augen und sagte bitter: „Glimmerauge, Glimmerauge, Glimmerauge, nun kannst auch Du, meine beste Freundin mir nicht helfen.“ In diesem Moment gab es plötzlich einen lauten Knall und Rosi, die vor Schreck die Augen geschlossen hatte, hörte eine sanfte Stimme, die sie fragte: „Wie kann ich Dir denn helfen, liebe Rosi?“ Erschrocken schaute Rosi sich um, doch niemand außer der Katze und ihr selbst war im Stall. Diese Stimme konnte also nur von Miss Glimmerauge stammen. „Na Rosi, meine liebe Freundin, schau doch nicht so überrascht. Niemand außer Dir auf der großen weiten Welt weiß, daß auch ich wie ein Mensch sprechen kann“, sagte Miss Glimmerauge und sah in Rosis Augen. „Aber wieso hast Du früher nie mit mir geredet?“ entgegnete Rosi. „Ganz einfach, weil Du noch nie die Zauberworte gesagt hast!“ „Welche Zauberworte? Ich kann mich nicht daran erinnern, irgendwelche Zauberworte gesagt zu haben“, fragte Rosi, die sehr neugierig geworden war. „Weißt Du es denn nicht mehr? Du hast tief in meine Augen geblickt und dreimal deutlich Glimmerauge gesagt. Das war auch schon der ganze Zauberspruch“, erklärte Miss Glimmerauge. „Super, jetzt kannst Du mir antworten und vielleicht auch helfen. Kannst Du auch ein kleines bißchen zaubern?“ Rosi war sehr aufgeregt geworden und konnte die folgende Antwort der Katze kaum erwarten. „Selbstverständlich“, sagte Miss Glimmerauge ruhig. „Du mußt mir nur sagen, was Du möchtest. Aber bedenke, ich kann für Dich nur ein einziges Mal zaubern und danach kann ich mit Dir auch nie wieder reden. Zuhören werde ich Dir jedoch für alle Zeiten.“

Rosi dachte angestrengt nach. Wie konnte sie Pinkis Leben mit nur einem Wunsch retten? Plötzlich kam die rettende Idee! „Du mußt Pinki in einen kleinen, aber sehr lieben Hund verwandeln, dann kann mein Vater ihn nicht mehr schlachten. Weißt Du, Hunde werden nämlich nicht geschlachtet. Vater wird dann bestimmt denken, Pinki wäre gestohlen worden, aber das macht nichts. Ich werde ihm schließlich einfach erzählen, daß ich den kleinen Hund gefunden habe. Tolle Idee, nicht wahr Miss Glimmerauge?“ „Ja, das ist wirklich ein sehr guter Einfall. Ich werde Dir diesen Wunsch gerne erfüllen. In Zukunft werde ich wieder nur Deine Freundin die alte Katze Miss Glimmerauge sein. Du darfst niemals jemandem erzählen, daß ich einmal für Dich gezaubert habe. Versprichst Du mir das?“ „Ja, liebe Miss Glimmerauge und ich werde Dich auch für immer und alle Zeiten ganz toll liebhaben“, sagte Rosi und umarmte die Katze.

Die alte Katze Miss Glimmerauge erfüllte Rosis Wunsch und verzauberte das Schwein Pinki in einen kleinen, lieben Hund Pinki. Von nun an hatte Rosi einen Spielkameraden, den ihr kein Mensch mehr nehmen konnte. Ihr besonderes Geheimnis behielt Rosi für alle Zeiten und sie lebte glücklich und in Frieden mit ihren zwei Freunden, auf die sie sich stets verlassen konnte.

(Petra Kirsch)