Genau betrachtet sehen die Dinge gleich aus, nur im Grunde sind sie ganz anders. Wir wollen Dinge sehen und Momente erleben, aber wir lassen Dinge nicht stehen und Momente nicht geschehen. Wir nehmen Einfluss aus sie, oder versuchen es zumindest. Wir bewegen, damit es uns gefällt!
Was ist der Unterschied, den wir mahnen? Im Grunde ist es simpel. Es ist natürliches Bestreben des Menschen sich die Dinge anzupassen, wenn auch nur im Kleinen. Es besteht jedoch der Unterschied zwischen Prakmaten und den beiden anderen. Ich verzichte heute auf den Prakmaten und wende mich den beiden anderen zu.
Zu meiner Zeit als Regieassistent am Theater Aachen wurde ich mit dem destruktivistischen Regisseur Uwe Dag Berlin konfrontiert. An einem Abend sagte er zu mir: “Die Gesellschaft ist eine Fotze und wer mit der Gesellschaft klar kommen will der muss die Fotze ficken“. Auf seine proletarische Art und Weise hatte er vollkommen Recht, jedoch fand ich in ihm den fleischgewordenen Hedonisten.
Er begann nach dem Frühstück damit sich in einen Rausch zu versetzen und erinnerte mich auf merkwürdige Art und Weise an Alex, den wir in Uhrwerk Orange kennen gelernt haben. Er ließ die Schauspieler auf der Bühne auf teilweise erniedrigende oder persiflierte Art den Akt vollziehen und lachte dabei auf eine aufgegeilte und absurde Weise die vielen, nicht nur mir, einen eisigen Schauer über den Rücken trieben. Wenn er nicht arbeiten wollte ließ er es und wenn er sich besaufen wollte sollte der Rest des ausgewählten Ensembles mitmachen. Wir ließen uns anschreien und haben ihm dabei in die leicht wahnsinnigen Augen geschaut, und wussten jedoch dabei dass ein ausgeklügelter Verstand hinter dem Machen stand. Vielleicht war es auch nicht so, aber das müssen andere Beurteilen.
Das ist der Hedonist und einen Estheten habe ich nie kennen gelernt, nur viele Menschen die auf ihrer Weise versuchen nach selbigem zu streben. Ich zähle mich zu beiden Varianten und gleichzeitig zu keinem, denn wenn ich auch Versuche nach dem ideellem Wert einer Vorstellung zu folgen erwische ich mich immer wieder dabei das ich die Dinge Überforme und das Umfeld einfüge. Wir sind keine Götter die etwas Geschehendes in ihrem Dasein natürlich evaluieren lassen können bis es uns entspricht, nur weitere Kreaturen nach Abbild geschaffen, wenn man so will.
Das dyonische, das Bauchgefühl verleitet uns zu Gefühlüberschweifenden Handeln das sich bei vielen Menschen als Tanzen äußert, mir jedoch verleiht es eine innere fast rosafarbene Zufriedenheit. Ein Lächeln breitet sich über ein visuell verschlossenes Gesicht und leitet einen Prozess von kreativem Rauschen ein, der nicht selten in gleicher Katharsis endet. Linker Hand bildet sich eine verkrampfte Schönheit und ich reibe meinen Daumen über Schläfe und Auge. Schaffen ist das schönste und das was den schaffenden versucht an einen verzweifelt schönen Ort zu bringen was zu begreifen vollkommen unmöglich ist. Wer es nachempfinden kann weiß wovon ich rede. Ich vergleiche das gerne mit Musik, denn Musik ist das was die dyonische Essenz ausmacht. Es gibt Lieder die einen so dermaßen gefangen nehmen das man sich nicht stillhalten kann und alles um einen herum vergessen lassen. Man fühlt sich innerlich strahlend, tief, fast golden gelb; ein Gefühl von undefinierbar großen Glück, Harmonie und Zufriedenheit. Manchmal weint man auch einfach nur und das aus tiefster Seele, denn man weiß einfach nicht wie man sich anders ausdrücken soll. Ich habe schon oft Tränen vor erfüllter Glückseeligkeit vergossen bei Liedern in denen jeder Ton so selbstverständlich und logisch aufeinander folgte das es einen einfach übermannte (Wer ein Beispiel dazu haben möchte fragt mich einfach nach der Anekdote dazu als ich meinen Roadtrip durch Dänemark gemacht habe und schaue mir bitte dabei ins Gesicht).

Ein harter Wechsel, eine ungeliebte Note, ist nun nötig um deutlich zu machen was dieser Text aussagen soll. Nachdem sie eine meiner Gefühlsebenen kennen gelernt haben verweise ich mit mahnendem Blick zurück auf den Hedonisten. Da ich ihn teilweise nachvollziehen kann aber nie voll ausgelebt habe, sage ich: „der Anfang der Dinge liegt im gleichen Ursprung“.
Ich behaupte und meine es zu wissen, dass jenes rauschartige Gefühl der kreativen Säfte den potenziellen Hedonisten dazu verleitet seine Ideale zu pervertieren und somit zu dem wird was er ist. Es ist eine Sucht danach Triebe zu befriedigen. Wahrheiten werden zurecht gelegt, gerne etwas dazu erfunden was man später schon vergessen hat, das es in Wahrheit anders passiert ist.
Der Hedonist handelt aus niederen Instinkten und nicht aus dem streben nach Vollkommenheit. Der ewige Kampf des Ich, Es, Überich wurde beendet und zu Gunsten des Es entschieden. Weisheiten und Tugenden werden sinnentfremdent übernommen und neu ausgelegt bis ein gigantisches Konstrukt von Lügen eine Glaubhafte Umwelt vorgaukelt.
Im Endeffekt verbannt Dyonisus, Apoll vom Olymp, der gelegentlich mit zitternden Fingern Ausschau hält ob man nicht dennoch noch helfen kann. Mit anderen Worten, der Funke von Verstand verlöscht nicht gänzlich… wie könnte er auch Apoll ist derjenige der uns vom Tier zum Menschen machte.
Letztendlich glaube ich nicht dass Uwe ein Hedonist ist, im Gegenteil. Er ist ein beschwipster Apoll in einer kranken, kranken Welt. Und wer könnte den Eulenspiegel besser spielen als einer von Ihnen, aber wer bin ich schon das ich das beurteilen könnte? ;-)

(P.S.: Wer sich für das Thema dyonische und apollsche Energie interessiert möge bitte bei Kunstphilosophie nachlesen und bei Kant anfangen, dann geht’s weiter zu Schopenhauer und bei Nietzsche weitermachen… weiter bin ich selber noch nicht)