Als ich zum ersten Mal zu meinem neuen Betätigkeitsfeld geflogen war, kamen wir nach 12 Stunden Flug um Mitternacht am Flughafen von Muscat an. Die Flugzeugtüre wurde geöffnet und wie ein Fausthieb traf uns die 30° heisse Luft, verbunden mit hoher Luftfeuchtigkeit im Gesicht.
Nachdem unsere Mitarbeiter und ich zwei Wochen nach Bekanntwerden der neuen Aspekte geackert hatten, galt es, vor Ort die nötigen Schritte einzuleiten.
Vom Flughafen fuhren wir ca. 40 km in die Stadt zu einem Haus der Firma, unserem Aufenthalt für weitere zwei Wochen.
Am Morgen wurden wir durch den Ruf des Muezzins geweckt und haben festgestellt, dass wir in einem Stadtquartier mit kleinbäuerlicher Umgebung, Ziegen, Hühnern und spielenden kleinen Kindern gelandet sind.
Durch die gleissende Unwirklichkeit eines gebirgigen südarabischen Küstenstaates bei bestialischer Hitze hinein ins Unbekannte, ohne Vorkenntnisse.
Doch zuerst etwas Hintergrund, der die nachfolgenden Geschehnisse etwas verständlicher machen soll.
Oman hatte zu dieser Zeit, 1985, etwa 2 Mio. Einwohner, wovon ca. 100`000 in der städischen Region Muscat lebten. Die Fläche Omans entspricht etwa derjenigen der Bundesrepublik. Das Sultanat Oman ist einer der ältesten selbständigen Staaten der Welt. Die alte stolze Geschichte wirkt immer noch fort – das Stammeswesen funktioniert noch vollumfänglich. Oman war, ausser einer kurzen Zeit von den Portugiesen, nie besetzt. Die Portugiesen wurden vertrieben und bis nach Ostafrika verfolgt. Dort wurden ihnen durch die Omanis grosse Gebiete abgenommen und von dort aus Sklavenhandel betrieben. Sansibar, als Verladehafen für Sklaven, gehörte bis 1860 zu Oman. Aus dieser Geschichte entstand ein stark durchmischtes Volk. Man sieht afrikanisch dunkle bis fast weisse Menschen.
Die fortschrittlichen Stämme, die Entwicklung wollten, stürzten 1970 den alten Sultan. Dieser hatte das Bildungswesen, das Gesundheitswesen und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes bis dahin mit Hilfe der konservativen Kräfte erfolgreich verhindert. Mit der Einsetzung seines Sohnes, Quaboos bin Said, damals ca. 35 Jahre alt, gewannen die modernen Kräftr endgültig die Oberhand und der Reichtum aus den Oelquellen konnte genutzt werden. Eine starke Entwicklung begann mit Hilfe ausländischer Kräfte. Da schon früher starke Beziehungen zu England bestanden, waren und sind die Briten stark beteiligt. Die Entwicklung verläuft vernünftiger, als in den übrigen Golfstaaten. Es existieren starke Gesetzte und Reglementierungen, die auch durchgesetzt werden. Der Umweltschutz hat grosses Gewicht. Der Erhalt und die Unterstützung der bäuerlichen Kultur verhindert die Landflucht erfolgreich. Der Fremdenverkehr wurde nur ganz zögerlich entwickelt. Aeusserlich wird dieser Weg dadurch unterstützt, dass jeder Omani in der Oeffentlichkeit die traditionelle Tracht, bestehend aus Dishdasha und geknüpftem Turban tragen muss. Zu offiziellen Gelegenheit kommt dazu der Gurt mit dem traditionellen Krummdolch vor dem Bauch. Frauen sind meist sehr farbenfroh gekleidet und vielfach unverschleiert. Dies weist auf ihre starke Stellung in der Gesellschaft hin. Innerlich charakterisiert ausgeprägte Offenheit und Gastfreundschaft, aber auch gesunder Stolz die Omanis.
Die wilden Stämme des Südens konnten erst in den 70-er Jahren befriedet werden. Hier hatte der junge Sultan seine Sporen abverdient und die Achtung des ganzen Volkes erlangt. Die Fehden zwischen den Stämmen beginnen sich zu verwischen. Wo sie noch in Erscheinung treten, werden sie auf wirtschaftlicher Basis ausgetragen.
Vor diesem Hintergrund hat sich auch das geschäftliche Engagement ausländischer Firmen zu bewegen. Ohne einheimischen Sponsor, der natürlich auch beteiligt sein will, ist nichts zu wollen. Und ohne eine in Oman registrierte Firma zu haben, sind kaum Regierungsaufträge zu erhalten. Und so etwas aufzuziehen, hat als kleine oder mittlere Firma keinen Zweck. Hier müssen sich Firmen zusammentun. Unsere Firma (Ingenieurbüro im Bauingenieurwesen) ist mit solch einer zusammengesetzten Schweizerischen Gesellschaft für Städteplanung zusammengekommen. Diese Gesellschaft hatte gute Beziehungen, ein Mitglied war stark in der omanischen Gesellschaft involviert. Nach mehreren kleinen Projekten gelang der Gesellschaft ein Grosser Fischzug. Dieser beinhaltete Planung und Bauaufsicht sämtlicher Infrastrukturanlagen für ein am Meeresstrand gelegenes Aussenquartier von Muscat. Es sollte auf 6 km2 eine Gartenstadt für 8`000 Einwohner entstehen. Unsere Firma ist während der Planungsphase dazu gestossen, da der vorherige Bauingenieur Schwierigkeiten mit dem Projektteam erhalten hat.
Mein erster Eindruck vom Land, 1985 ca. zwei Wochen nach dem Beginn des Engagementes unseres Büros, war frappant. Ich hatte zusammen mit den Architekten unseres Teams eine aufgrund eines Kundenwunsches komplette Aenderung des Projektes bei allen zuständigen Ministerien zu vertreten und gleichzeitig mit dem Managing Director unserer Gesellschaft zusammen die Vertragsverhandlungen für die Weiterführung unserer Arbeit unter den geänderten Verhältnissen zu führen.
Wir kamen nach Hause mit einem nach unserer Meinung und erst recht nach Meinung unseres Kunden, dem Diwan of Royal Court Affairs, ausgezeichtneten Vertrag und ich selbst als Verantwortlicher für die spätere Bauleitung. Unseren Sponsor hatten wir nicht mehr beteiligt, da der Managing Director unserer Gesellschaft seine eigene gesellschaftliche Stellung in Oman als hervorragend einstufte. Etwas, was wir später bitter bereuen würden. Und wir hatten uns die Feindschaft der englischen Berater des Kunden zugezogen. Hatten wir doch einen solchen Vertrag ohne die sonst üblichen Zahlungen erreicht. Auch den Vertreter des Kunden, einen jungen, aufstrebenden Omani, der von oben aus Zeitdruck zum Abschluss diese Vertrages gedrängt worden war, hatten wir vergessen, was sich später hundertfach rächen sollte.
Nun mussten die Bauarbeiten ausgeschrieben werden. Wir hatten die Bauzeit auf 30 Monate veranschlagt. Der Kunde verlangte die Fertigstellung dieses Prestigeprojektes innerhalb von 20 Monaten. Den Zuschlag für die Ausführung sämtlicher Bauarbeiten erhielt eine palästinensisch/libanesischer Contractor, welcher in Oman über erstklassige Beziehung verfügte, für die Summe von umgerechnet 100 Mio. SFr.
Unsere Planungsarbeiten in der Schweiz liefen heiss. Gleichzeitig musste ein Bauleitungsteam für Oman in Rekordzeit rekrutiert werden. Aus früheren Arbeiten war ein Stock von zwei Leuten vorhanden, der auf 10 Leute aufgestockt werden musste. Ein lokaler Chef der Bauleitung musste her, was sich als schwierig erwies.
Die Arbeiten liefen zögernd an. Auch der Contractor hatte Mühe, aus dem Stand seine gesamte Infrastruktur und seinen Stamm von bis 800 Leuten aufzubauen.
Zwischen dem Contractor und uns hat sich eine starke Zusammenarbeit herausgebildet, überlebensnotwendig für uns beide. Wir hatten festgestellt, dass die Fachsprache auch in diesem Teil der Welt die gleiche ist und dass auch der Orientale, wenn er unter Druck steht, seine Taktiken vergisst und rational verhandelt. Wir haben uns entschlossen, wie in Pflug voranzugehen und den Kunden mehr oder weniger mitlaufen zu lassen. Bei meinen ca. 12-maligen Aufenthalten waren dann auch meine Kontakte zum Kunden vornehmlich Höflichkeitsbesuche.
Als grosses Problem hat sich die Führung unseres Personals vor Ort erwiesen. Die Leute, meist Europäer, waren sehr gut untergebracht. Die beschränkten Möglichkeiten, sich in der Freizeit individuell zu vergnügen, führten zu einem Zusammenschluss. Die Gesellschaft der Ausländer ist eine Waschküche. Die Tatsache, dass unser Projekt dato das einzige Grossprojekt in Oman war, rückte unsere Leute ins Rampenlicht und jede Schwierigkeit erhielt Riesendimensionen. Das schlimmste war die Solidarisierung eines Teiles unseres Personales mit deutschfreundlichen Vertretern des Kunden gegen unsere Gesellschaft.
Durch eine Abwertung der Landeswährung und Zahlungsprobleme des Kunden wurden wir mitten im Projekt vor die Frage gestellt, ob wir abbrechen sollen. Wir entschieden uns, zu bleiben. Welcher Idiot geht heim und riskiert, nachdem er jahrelang Beziehungen aufgebaut hat, auf die schwarze Liste zu kommen. Der Kunde hat natürlich seine Zahlungsprobleme auf britische Art wohlvorbereitet hinter einem Mantel von Vorwänden versteckt. Es füllten sich Ordner mit Briefen, die sein Gebäude aus Beweisen unserer Unzulässlichkeit bauten.
Nach dem 16. Der 20 Monate hat der Contractor unseren Verdacht, dass die Angelegenheit länger dauert als angenommen bestätigt. Er hat einen Claim für eine Verlängerung um sechs Monate, verbunden mit entsprechenden finanziellen Forderungen, eingereicht. Sonst hätten ihn die Vertragsstrafen getroffen. Ich wurde zum Kunden gerufen. Der Staatssekretär hat mich in einem vertraulichen Gespräch instruiert, die Antwort auf den Claim so aufzubereiten, dass die Bauzeit verlängert werden kann und keiner etwas bezahlen muss. Der Kunde würde im Gegenzug auf die Vertragsstrafe verzichten. In einer einwöchigen Arbeit mit unkonventionellem Aproach konnte die Angelegenheit vorbereitet werden. Es wurde ein Erfolg im Sinne des Kunden. Einen Monat später war alles erledigt. Die englische Besatzung des Kunden kochte vor Wut. War sie doch auf einen Monate dauernden Profilierungskampf mit Schmieren und Salben vorbereitet.
Nach 26 Monaten waren alle Bau- Und Einrichtungsarbeiten für die Infrastruktur abgeschlossen und abgenommen. Alles funktionierte hervorragend und die Abrechnung hat gestimmt. Unsere stark reduzierte Besatzung überwachte noch die Garantiearbeiten und befasste sich mit unseren offenen Forderungen. Die englischen Berater des Kunden hatten ein solch grosses Gebäude aus Vorwürfen an uns gebaut, dass es uns nie gelang, dem Kunden restlos klar zu machen, dass wir unser Honorar gesamthaft verdient haben. Hier hätte ein Sponsor sehr helfen können. Das Eintreiben unserer Forderungen wurde schwierig. Ein ausländisches Schiedsgericht war nicht möglich, da wir mit unserem Vertrag als omanische Firma galten. Und welches inländische omanische Gericht beurteilt schon gerne den Königshof ungünstig.
So sind wir eben auf Teilen unserer Forderungen sitzen geblieben. Man nennt das Lehrgeld. Es gibt jedoch auch ideelle Werte. Dieses Projekt hatte unserem Büro unglaublichen Auftrieb verschafft. Es haben sich Synergieeffekte und Beziehungen ergeben. Unsere Einstellung zu Gewinn und Verlust hatte sich wesentlich verändert. Wir haben tiefe Einsichten in Arbeitspartnerschaften unter schwierigsten Verhältnissen gewonnen, von welchen wir heute noch zehren. Für mich persönlich waren mit allem verbunden unvergleichliche Naturerlebnisse und Begegnungen in einer unverdorbenen, friedlichen Welt.
Hans Ramseier

Die Photos stammen von einer Reise mit Besichtigung der Stadt im Dezember 2012