Wieder ist es ein Großraumwagen, in dem ich am Freitagmittag (high Noon) Platz nehme. Allerdings ist das hier ein Panoramawagen und die Totem Deluxe Class. Das bedeutet: Es sitzen hier ausschließlich Touristen, die mit (Flugzeug-)Essen am Sitz versorgt werden. Dies geschieht allerdings sehr freundlich, zurückhaltend und nicht so animateur-mäßig wie im Rocky Mountaineer. Schließlich fahren wir im staatlichen Via-Rail-Zug "Skeena" in zwei Tagen von Jasper nach Prince Rupert.

Die Strecke zum Mount Robson, dem höchsten Berg in den kanadischen Rocky Mountains, lässt sich am Besten von der linken Seite des Zuges genießen. Spätestens als dann der mächtige Fraser River zum ständigen Wegbegleiter wird, liegen die sehenswerten Punkte allerdings auf der rechten Seite. Macht aber nichts, denn es sind so wenige Passagiere an Bord, dass man beliebig hin und her wechseln kann, zum Lounge-Wagen gehen kann, nach einem Sitz im Dome-Wagen Ausschau halten kann - überall staunt man. Vor allem von den Grün-Tönen in allen Schattierungen: saftiges Gras, Farn, Wald und Wasser.

Die amerikanischen Touristen haben in der Zwischenzeit wieder irgendwelche Lebensgeschichten von vermissten Ur-Onkels im Zweiten Weltkrieg erzählt oder über pupertierende Teenager philosophiert. Dann macht sich eine neue Art des Zeitvertreibs breit: "Wer sieht den nächsten Bären?" Sogar der Lokomotivführer macht mit, raunzt irgendwas in sein Walkie-Talkie, was der Zugführer als "elk on the left" übersetzt und ein allgemeines "Oh" auslöst, weil sich das Tier mittlerweile in die Büsche verkrochen hat. Aber zwei Bären habe ich dann doch gesehen. Ich hab's aber niemanden weitergesagt. Oh ...

Ich habe ja auch was Besseres zu tun. Ich zähle die Waggons von Güterzügen - oder versuche es zumindest. Auf 143 Stück bin ich mal gekommen. Wohlgemaerkt an einem Güterzug. Vor allem vor Prince George muss unser Skeena-Zug manches mal auf das Ausweichgleis fahren. In die Industriestadt kommen wir mit relativ wenig Verspätung kurz nach 19 Uhr an. Prince George ist wie eine typische kanadische Stadt an einem Freitagabend: ausgestorben. Also laufe ich zwischen Einkaufstraßen, Autohändler und Parkplätze zu meinem Hotel, in dem ich leider nur für eine kurze Nacht bleibe.

Bereits um sieben Uhr bin ich wieder auf der Gass. Wie es sich für eine typische kanadische Stadt am Samstagmorgen gehört, ist sie - ausgestorben. Aber ein Häufchen Unentwegter tröpfelt dann doch noch am Bahnhof ein, der zu den Hotels diverser Ketten günstig liegt. Eigentlich hatte ich gedacht, dass nun der landschaftlich langweiligere Teil der Strecke kommt. Doch das stimmt nicht. Zuerst erinnert mich die Gegend ohne hohe Berge an die schwedische Inlandsbahn (schon wegen der Holzindustrie). Doch dann kommen die Seen (bei Prominenten als Angelgebiete beliebt) und die Berge zurück. Um von drei kurz hintereinander liegenden Brücken eine gute Sicht zu erhaschen, muss man einen Platz auf der rechten Seite erhaschen - und hoffen, dass die Regentropfen an der Fensterscheibe nicht die Überhand gewinnen.

Mit der Skeena Crossing Bridge kommt der gleichnamige Fluss auf der linken Seite ins Blickfeld. Und bleibt es dort auch. Dieser Skeena River macht seinem Namen ("Wasser aus den Wolken") alle Ehre. Der Hauptfarbton geht von grün über in grau. Und ich schimpfe mit meiner Kamera, die partout nicht unterscheiden kann: was ist Regen, was ist Schnee, was ist Nebel, was sind Wolken. Die Fahrt im Tal entlang wird immer unheimlicher, wilder. Auch die Stimmung unter den Mitreisenden verdüstert sich. Außer einem "Waterfall on the right. Oh, another one" ist nicht mehr viel zu hören (es sprechen sowieso nur die Frauen und nur die Frauen mit den markantesten Stimmen).

Und plötzlich. Der Himmel reisst auf. Schneebedeckte Berge tauchen auf. Das Wasser glitzert. Und alle strahlen. Willkommen in Prince Rupert. Auch ich komme aus dem Strahlen nicht mehr hinaus. Denn direkt vor meinem Hotelfenster legt die Sonne einen Untergang hin, der sich sehen lassen kann. Und weil wir hier im Norden sind, dauert das Farbenspektakel dann auch bis 22 Uhr. Dann ist die Sonne wirklich verschwunden.

Gute Nacht.