Gleich zum frühen Morgen eine Überraschung: Wahnsinn wie schnell sich dein Körper regeneriert! Da bin ich gestern noch auf dem Zahnfleisch nach Lorco gekrochen und heute Rucksack auf und los gehts. Ich fühl mich gut, ich fühl mich richtig gut! Super, so kann es weitergehen - also gleich die nächsten 32km bis nach Los Arcos!

Die ersten 9km bis nach Estella/Lizarra liefen auch super, wieder eine interessante Landschaft an einem größeren Fluß mit alten Wehren, Mühlen und alten stillgelegten Kraftwerken. In Estella war dann erstmal Frühstückspause angesagt und eine kleine Ortsbesichtigung. Ein schöner, mittelalterlicher Ort mit vielen zivilen und religiösen Prachtbauten, sie brachten Estella den Beinamen "Estella, die Schöne" (Estella la bella). Nach Estella kommt man am ehemaligen Klosterweingut Bodegas Irache vorbei. Dieses ist nicht zuletzt wegen der Fuente de Vino (Weinbrunnen) bekannt. Alle Pilger sind eingeladen, sich mit einem Schluck Wasser zu erfrischen und mit einem Schluck Wein zu beleben. Leider traf ich dort Sonntag Nachmittag ein und es waren schon viele Pilger vor mir der Einladung zum Weingenuß gefolgt, so dass für mich der Hahn trocken blieb. Na ja, bis Montag warten machte wenig Sinn, deswegen ging es weiter durch hüglig, bewaldetes Gelände nach Monjardin.

Kurz nach dem Kloster Irache überholten mich zwei deutsche Mädels, eine von beiden wild diskutierend mit Handy am Ohr! Mensch, dachte ich mir, die haben aber Pußte, Respekt vor den Ladies. Mir schmezten langsam aber unmissverständlich die Füße. Richtig absetzten konnten sich die beiden Mädels aber nicht von mir, so überholte ich sie mal wieder, worauf sie dann kurze Zeit später wieder an mir vorbei zogen. Aufgehalten von einer Schafherde, holte ich sie wieder ein und wir kamen ins Gespräch. Erika und Iris aus der Nähe von Donauwörth, Iris hatte große Probleme mit Blasen und ich vermutete meinen Schmerzen zu Folge, dass auch ich nach Begutachtung meiner Füße am Abend von ähnlichen Problemen berichten könnte. Wir liefen eine Zeit gemeinsam, ich erzählte, dass ich heute noch bis Los Arcos laufen wolle, sie wußten noch nicht genau ob Monjardin oder Los Aros ihr heutiges Ziel sein sollte. In Azqueta gönnten wir uns eine Pause mit eisgekühlter Coca-Cola, danach zogen Erika und Iris weiter hinauf nach Monjardin. Ich blieb noch länger, beharrte schließlich auf meine 1 Std. Mittagspause und wollte auch meinen strapazierten Füßen eine längere Pause gönnen.

Der Aufstieg nach Villamayor Monjardin gestaltete sich nach der Pause noch sehr angenehm, doch der weitere Weg bergab in südlicher Richtung über breite einsame Feldwege durch eine von Mensch und Natur modellierte, sanft hügelige Landschaft mit Getreidefeldern, Weinbergen und Wäldern nach Los Arcos wurde trotz dieser stimmigen, schönen Besschreibung zu meinem persönlichen Desaster. Kurz nach Villamayor Monjardin kamen die Schmerzen in den Füßen zurück und zwar noch heftiger und stärker als jemals zuvor. Ich schleppte mich auf dem Zahnfleisch, fertig, einsam, müde und verzweifelt durch das herrliche, nie enden wollende Tal. Ich weiß nicht ob ich jemals in Los Arcos angekommen wäre, hätte mir einer eine Bushaltestelle in den Weg gestellt, ich wäre überall mit hin gefahren. Ich war kurz vorm Aufgeben, Santiago de Compostela lag plötzlich noch viel weiter als 700km entfernt - unerreichbar!

Da sah ich vor mir Erika und Iris wieder, sie waren also doch weiter als nach Villamayor Monjardin gelaufen. Ihnen habe ich es zu verdanken, das ich mit letzter Kraft und letztem Wille doch noch bis nach Los Arcos gekommen bin. Sie haben mich regelrecht mitgeschleift und das hat so gut getan! Dafür nochmal ein herzliches Dankeschön, ich weiß nicht was ich ohne euch gemacht hätte! In Los Arcos die nächste Hiobsbotschaft, als wir endlich gegen 18.00 Uhr ankamen, waren in der Herberge Fuente de Los Arcos/Casa de Austria, von Österreichischen Jakobswegfreunden geführt, nur noch 2 Matratzen frei, die 3 Matratze könne man allerdings ins Treppenhaus legen. Mir war zu diesem Zeitpunkt alles egal, Hauptsache angekommen und stellte mich so auf eine unruhige Nacht im Treppenhaus ein. Aber Erika und Iris Matratzenlager unter dem Dach mit 25 anderen Pilgern schien auch nicht ruhiger zu sein ;)

Der Abend ist schnell erzählt, duschen und Füße begutachten. Autsch! Ich habe in meinem Leben noch nie eine so große Blase gesehen - und ich hatte gleich 4 davon! Das ich damit unter allen Pilgern in der Herberge noch Eindruck schinden konnte, sollte als Beschreibung reichen. Ich habe auch bewußt kein Fotos von diesen Ballons gemacht! Da ich mich nicht mehr bewegen konnte/wollte viel mein Abendessen in flüßiger Form aus. Viele San Miguels mit Dieter und Nicole liesen mich Weg, Schmerz und Strapazen vorerst vergessen. Erika und Iris gingen in die Stadt zum Abendessen, ich gab ihnen meine EC-Karte mit Geheimnummer um mich wieder mit Bargeld zu versorgen, ich wollte heute keinen Meter mehr gehen. Ist das nicht Vertrauen? So etwas erlebst du nur auf dem Camino! Dieter verabschiedete sich von mir mit den Worten "wir sehen uns dann in Santiago", irgendwie konnte ich in diesem Moment nicht daran glauben. Stellte mich dann auf eine unruhige Nacht ein...