Ich arbeite gerade an einer deutschsprachigen Grammatik des Esperanto als Ebook (siehe auch: www.ipernity.com/blog/41683/653241) und möchte hier die Einführung zum Abschnitt "Wortbildung" zur Diskussion stellen. Manchmal erachte ich es als notwendig, ein wenig über die Sprache zu philosophieren, vor allem zu den Themen, die ständig in Foren hin- und hergekaut werden.

Die Bildung neuer Begriffe aus vorhandenem Wortmaterial hat im Esperanto eine weitaus größere Bedeutung als in den Nationalsprachen, weil dadurch der zu erlernende Wortschatz deutlich reduziert wird. Das Wortbildungssystem ist eine beachtenswerte schöpferische Leistung des Entwicklers der Sprache. Einschränkend muss man anerkennen, dass das Prinzip, Begriffe zu analysieren und anschließend ein benötigtes Wort zu synthetisieren, nicht jedermanns Sache ist. Wer sich damit nicht anfreunden kann, muss nach wie vor ganz stur Vokabeln und / oder Mustersätze lernen.

Es gibt keine in der Praxis anwendbaren Regeln oder Empfehlungen, wie neue Begriffe erzeugt werden können. Hierfür ist eine gehörige Portion Allgemeinwissen und darüber hinaus so etwas wie das Wissen, wie unsere Welt funktioniert, erforderlich. Die Wortbildung in der deutschen Sprache ist vergleichbar, insofern stellt sie kein unüberwindliches Hindernis dar. Im Esperanto wird sie lediglich weitaus umfassender eingesetzt.

Folgende Beispiele unserer Muttersprache mögen das verdeutlichen: Eisenbahn, Dampflokomotive und Schnellzug. In dem Wort »Eisenbahn« ist »Bahn« das Grundwort, und das Bestimmungswort sagt aus, dass die »Bahn« aus Eisen besteht. Bei der »Dampflokomotive« wissen Sie, dass die Lokomotive nicht aus Dampf besteht, sondern mit Dampf betrieben wird. Ein Schnellzug besteht nicht aus Schnelligkeit und wird auch nicht damit betrieben. Er fährt nicht zwangsweise schneller als ein regulärer Zug, sondern er erreicht sein Ziel schneller, weil er nicht an jedem Bahnhof hält. Ein »schneller« Zug muss kein Schnellzug sein. Das Bestimmungswort verändert auf ganz unterschiedliche Weise das Grundwort. Wir machen uns im Deutschen keine Gedanken darüber, wie die Wortbildung funktioniert, denn wir haben sie von Geburt an so gelernt und verwendet. Unser Wissen von der Welt geht darin ganz selbstverständlich ein. Im Esperanto wurde die Anwendung des »Wissens von der Welt« zur Bildung von Wörtern extrem erweitert.