Das Fundamento de Esperanto, eine Samm­lung von Regeln, Übungen und einem Wör­ter­buch, beinhaltet nur das absolute Mini­mum an ver­bind­lichen Fest­legungen, nach denen Es­pe­ranto anzuwenden ist. L. L. Zamen­hof hat diese Re­geln unter dem Ge­sichts­punkt aufgestellt, dass die natür­liche Wei­ter­ent­wick­lung der Sprache nicht un­nötig ein­ge­schränkt wer­den soll, und dass zur Ein­führung des Esperanto als inter­na­tionale Spra­che, die nach seiner Vor­stellung durch ein nach unserem heu­tigen Welt­bild dem Völker­bund oder der UN ähn­lichen Gre­mium er­folgen würde, eine wissen­schaft­liche In­sti­tution ein end­gültiges und um­fas­sendes Regel­werk fest­legen wird.

Bis zu diesem in der Zu­kunft liegenden Zeit­punkt rech­nete Zamenhof mit der Ver­nunft und dem de­mok­ratischen Ver­ständnis der Men­schen. So ließ er bereits 1894 über seinen ersten Vor­schlag zur Re­form der Spra­che die Leser der Zeit­schrift »La Esperantisto« ab­stimmen. Der Vor­schlag wurde ab­ge­lehnt. Als Folge des Ver­ständ­nisses Zamen­hofs von einer na­tür­lichen Ent­wicklung des Es­peranto und seiner Über­zeu­gung, dass feh­lende Re­geln aus seinen Übungen, Zeit­schriften­ar­tikel und sonstigen Werke ab­ge­lei­tet wer­den kön­nen, gibt es bis heute Lücken in der Sprach­lehre, die jeder Esperantist mehr oder weniger nach Gut­dünken, mutter­sprach­lichem Empfinden oder den Regeln seines Kursus­leiters füllt. Das betrifft auch meine Auffassung von der Sprache.

Zamen­hofs Sprach­ge­brauch war un­ein­heit­lich und wider­sprüchlich. Wie bei re­li­giösen Grund­lagen­büchern kann sich jeder bei der Be­grün­dung seiner An­sichten auf Zamen­hof be­rufen. Viele Es­peran­tisten ver­stehen nicht, dass sich die Welt außerh­alb des Esperanto in den ver­gangenen Jahren stark ver­ändert hat. Das Bil­dungs­niveau der Menschen ist ge­stie­gen, die Welt ist viel­fäl­tiger, komplexer und kompli­zierter ge­worden, die Sprach­wissenschaft hat sich mit großen Schritten weiter ent­wickelt, die Na­tional­sprachen selbst wurden stärker normiert und re­formiert. Viel­leicht erinnern sich einige Leser die­ser Zeilen noch an das Hick­hack der Recht­schreib­re­form der deutschen Sprache zu Beginn des 21. Jahr­hunderts. An­derer­seits muss die sehr kleine Sprecher­ge­mein­schaft des Es­peranto auf eine un­ver­änderte, ge­regelte und stabile Sprache achten, um diese nicht in regionale und soziale Dialekte zer­fallen zu lassen.

Die Buch­staben q, w, x, y sind nicht Bestand­teil des Es­peranto-Alphabets. Viele Es­perantisten lehnen die Be­nutzung dieser Buch­staben zum Beispiel zur Bil­dung von Ersatz-Diphthongen (cx, gx, hx, jx, sx, ux) für fehlende »Dach­buchstaben« (ĉ, ĝ, ĥ, ĵ, ŝ, ŭ) ab. Anderer­seits werden diese und viele andere Buch­staben für natur­wissen­schaft­liche Zwecke doch ge­braucht und sind deshalb jedem Esperantisten bekannt. Es­peranto existiert nicht im luft­leeren Raum.

An­füh­rungs­zeichen und Kommata werden wie in der eigenen Mutter­sprache ge­setzt, was dazu führen kann, dass ein ge­schriebener Satz un­ver­ständlich wird. Satz­zeichen gliedern Sätze und Satz­teile, und falsch ge­setzte oder feh­lende Satz­zeichen zer­stören wie auch im Deutschen den Satz­auf­bau.

Regel­mäßig werden Doppel­kon­sonanten der National­sprachen ver­ein­facht. Dop­pelte Buch­staben in Wort­wurzeln finden wir zum Bei­spiel in dem Wort finno (Finne, Be­wohner Finn­lands). Tat­sächlich hat sich Zamen­hof nirgendwo gegen Doppel­kon­sonanten aus­ge­sprochen. Anderer­seits gibt es weder in den Übungen noch in seinem »Universala Vortaro« Wort­wurzeln mit dop­pelten Kon­sonanten oder Vokalen. Bei Eigen­namen spricht nichts dagegen, dop­pelte Konsonanten und Vokale bei­zu­be­halten.

Hef­tige Dis­kus­sionen wer­den regel­mäßig durch die Frage aus­ge­löst, ob Eigen­namen (Per­sonen- und Städte­namen) »esperantisiert«, also nach Esperanto-Regeln um­ge­formt werden sollen. Wie üblich gibt es Argumente dafür und da­gegen. Dafür spricht, dass Es­peranto in seiner Funk­tion als inter­na­tionale Sprache ganz selbst­ver­ständlich alle Eigen­namen in seinen Sprach­körper auf­nimmt, um diese nach den Re­geln der Gram­matik be­nutzen zu können. Da­gegen spricht die Tat­sache, dass Es­peranto die Rolle als inter­nationales Kom­muni­kations­mittel ge­gen­wär­tig gar nicht aus­füllt. Die Es­perantisierung von Eigen­namen wirkt unter dieser Sichtweise als Ab­schottung von der Realität. Es gibt keine At­lanten in Esperanto (ein 1971 in der CSSR he­raus­ge­gebener Taschen­atlas ist nicht mehr er­hältlich) und keine Lexika, in denen man einen Orts­namen nach­schlagen kann.

New York hat sich gegen Neujork durch­gesetzt. Im Romanen werden Städte- und Personen­namen, die mit dem la­tei­nischen Alpha­bet geschrieben werden, im Original be­lassen. Der isländische Schrift­steller Arnaldur Indriðason wohnt dem­zufolge in Rey­kjavík, ob­wohl das deutsche Alpha­bet weder ein »ð« noch ein »í« kennt. Natür­lich kann man Städte mit Welt­geltung und Haupt­städte in ihrer Es­peranto-Form be­nutzen. Wir sagen Moskau statt (russisch) Moskva und Lis­sabon statt (por­tugie­sisch) Lisboa.
Die Chance, am Bahn­hof eine Fahr­karte nach Berlino, Hamburgo oder Moskvo zu be­kommen, ist hoch. Die Chance einer Fahr­karte nach Majenco (Mainz) oder Akeno (Aachen) ist schon deut­lich ge­ringer. Und ganz be­stimmt be­kommt nie­mand eine Fahr­karte nach Asindo (Essen) oder Kaburbo (Kapstadt). In privaten Ge­sprächen oder Unter­hal­tungen in kleinen Gruppen spielen solche Über­le­gungen keine Rolle. Jour­nalisten und Es­peranto-Funktionäre, die sich an ein großes Publi­kum wenden, sollten da­rüber nach­denken.

Niemand, selbst wenn er eine wirk­lich wilde Fantasie hat, würde aus »Alta Barovo« den Ort High Barrow schluss­fol­gern oder aus »Filikindo« den Ort Fernworthy. Hier muss man in jedem Fall das Ori­gi­nal des Textes zu Rate ziehen, und das ist nicht Sinn einer inter­na­tio­nalen Sprache. Diese Bei­spiele stam­men übrigens aus »La ĉashundo de la Baskerviloj«, der Es­peranto-Über­setzung des Hun­des von Bas­ker­ville. Der Übersetzer verschiebt durch die Esperantisierung die Geschichte aus dem konkreten England in eine Esperanto-Parallelwelt.

Letzt­lich geht es bei diesen Streit­fragen darum, ob sich ein Sprecher »auf Augenhöhe« mit seinem Kom­munikations­partner unter­halten und ver­ständ­lich aus­drücken will.