Scott Westerfeld: Leviathan - Die geheime Mission. cbj 2010.

Ich finde die Idee des Steampunk in der Literatur sehr anziehend: eine fiktive Gesellschaft, in der moderne Errungenschaften mittels Dampfkraft und auf dem Hintergrund der viktorianischen Gesellschaft nachgebildet werden. Die Kritiken bei Amazon hatten mir waschechten Steampunk versprochen, weshalb ich mir dieses Buch als Kindle-Ausgabe zugelegt habe.

August 1914: Der Erzherzog und seine Frau werden vergiftet, ihr Sohn muss fliehen. In einer StarWars-ähnlichen zweibeinigen Laufmaschine begibt er sich mit wenigen Getreuen in Richtung der neutralen Schweiz, um sein Leben zu retten. In Britannien schummelt sich ein Mädchen in die Ausbildung zum Luftschiffer und landet nach einem Ausflug mit einem Fesselballon in / auf einem riesigen Luftschiff - eben dem namensgebenden Leviathan. Dieses wird mit einer geheimen Fracht in das Osmanisches Reich geschickt.

Ein Konflikt des Romans sind die unterschiedlichen Weltsichten der Darwinisten, die durch DNA-Manipulation Tiere gezielt anpassen (eine dieser Anpassungen ist die Leviathan, ein mit Wasserstoff betriebener Abkömmling eines Wals), und der Mechanisten, deren Waffentechnik auf herkömmlicher, dieselbetriebener Mechanik beruht. Darin eingebettet ist der Beginn des Ersten Weltkriegs. Dazu gibt es nette Illustrationen.

Das Buch bekommt von mir einen »Daumen hoch« für die neuartige Idee und die gute Umsetzung. Die Übersetzung hat mich nicht überzeugt, auch nach einigem Googeln habe ich nicht herausfinden können, was das häufig benutzte Wort »Micker« (verwandt mit »mickrig«) bedeutet soll oder woher es kommt.

Leider hat das Buch ein Nachwort. Natürlich sind mir einige Ungereimtheiten aufgefallen, aber Buch ein ist eben eine Fiktion und muss nicht in allen Punkten mit unserer gelebten Realität übereinstimmen. So ist der Wasserstoff in der Leviathan-Welt nicht geruchlos, sondern riecht bitter. Gut, das geht als Fiktion durch. Mehr als eine Ungereimtheit ist die Art und Weise, wie der Autor mit unserer europäischen Geschichte umgeht. So hat er offensichtlich nicht begriffen, dass es zwei Kaiser gab, einen in Deutschland und einen anderen in Österreich. Im Buch lasse ich mir das gefallen, im Nachwort nicht. Das ist böse Geschichtsklitterung. Alte Feindbilder werden in der Literatur und inzwischen auch wieder in Ausstellungen am Leben erhalten.

Übrigens - auch das weiß der Autor offensichtlich nicht - war die Schweiz nicht das einzige neutrale europäische Land. Spanien und Schweden haben weder am ersten noch am zweiten Weltkrieg teilgenommen, und Norwegen und Dänemark blieben im Ersten Weltkrieg neutral.

Dazu gibt es noch einen Schuss amerikanischer Prüderie. Die britische Heldin schleicht sich als Junge verkleidet in die Kadettenschule ein, was nur möglich ist, weil ihre »Dinger«, der Autor bezeichnet damit die Brüste des Mädchens, nicht übermäßig stark ausgebildet sind.

Ich bleibe bei meinem Urteil, dass es sich um ein lesenswertes Buch handelt. Es ist aber weder ein Kinder- noch ein Jugendbuch, und Steampunk ist es auch nicht.

www.amazon.de/Leviathan-Die-geheime-Mission-ebook/dp/B004OVF0LK