Anfang des Jahres gab es den »Kindle 4« von Amazon kurzzeitig mit einem Rabatt von 20 Euro. Nun lese ich schon seit mehr als einem Jahrzehnt Ebooks mit dem PDA, dem Smartphone und dem TabletPC und brauche deshalb kein Lesegerät, das Bücher nur in Schwarz-Weiß anzeigt. Ganz im Gegenteil, ich legte eher Wert auf die Fähigkeit dieser Geräte, Schrift und Bilder in Farbe anzuzeigen. Wer nur ein S/W-Gerät hat, ist selbst schuld.

Trotzdem, das Angebot ließ meine Abneigung gegen Kindle und Co. schmelzen, und in einem Anfall von Großzügigkeit bestellte ich das Gerät. Ich hätte es nicht tun sollen …

Esperanto-Sprachfreunde können meine ersten Eindrücke (mit eigenen Fotos) hier lesen: esperanto-sh.blogspot.de/2013/02/mi-acetis-kindlon-amazon-kindle.html

Die meisten Lesegeräte sind an einen Buchshop bzw. eine Handelskette gebunden, das heißt, es gibt einen vorinstallierten Online-Händler. Nicht DRM-geschützte Bücher lassen sich auf allen Geräten lesen. Was ich im Folgenden beschreibe, bezieht sich ausdrücklich nur auf Amazon und Kindle 4.

Die Hardware ist schnell geschrieben. Ein 6-Zoll-S/W-Bildschirm, keine Hintergrundbeleuchtung, kein Touchscreen. Links und rechts befinden sich je zwei Tasten zum Vorwärts- und Rückwärts-Blättern. Am unteren Rand gibt es ein Steuerkreuz und je eine »Zurück«-, »Tastatur-, Menü- und »Nach-Hause«-Taste. Im unteren Rand gibt es neben dem USB-Anschluss den Ein-/Aus-Schalter. Das ist Minimalismus und genau das, was ich zum Lesen bevorzuge.

Ohne Computer und ein Amazon-Konto ist ein Kindle fast nutzlos. Wenn man aber ein Viertel seiner Seele an Amazon verkauft, dann macht Lesen wieder Spaß. Zur Erinnerung: Ein anderes Viertel meiner Seele hat schon Google, weil es meine Android-Geräte verwaltet.

Ich melde den Kindle in meinem heimatlichen WLAN-Netz an. Das Gerät lässt sich auch über eine USB-Verbindung an den Computer füttern, aber WLAN geht einfacher. Am Computer suche ich mir ein Buch aus, klicke auf die Schaltfläche »Jetzt mit 1-Click kaufen«. Alles andere geschieht schon ohne mein Eingreifen im Hintergrund: Amazon bucht das Geld ab und stellt das Buch für mich bereit. Sobald der Kindle sich im Netz anmeldet, wird das Buch an das Gerät geschickt. Mein Kindle befindet sich zum Stromsparen im Flugmodus, und ich verbinde ihn nur zum Download mit dem WLAN. Fertig. Kein Warten, keine Verpackung.

Nun sitzen bei Amazon Profis, die durchaus dafür sorgen, dass der Kunde und Leser sich wohlfühlt. Zu jedem Buch kann man eine Leseprobe herunterladen. Das ist der Ersatz für das Leseexemplar in den Buchhandlungen. Die Leseprobe kann ich lesen, wann ich will, niemand stößt mir in den Rücken oder schiebt mich beiseite, weil ich im Weg stehe. Niemand sieht mich schräg an, weil ich nur suche und probelese, ohne zu kaufen.

Beinahe täglich gibt es bei Amazon neue kostenlose Bücher. Wer bereit ist, mehrmals in der Woche in den »Top 100 gratis« herumzustöbern, kann eine beachtliche kostenlose Büchersammlung zusammentragen. In meinem Bücherregal steht zum Beispiel Michael Szameits »Das Geheimnis der Sonnensteine« aus DDR-Zeiten, das ich im Rahmen der Gratis-Aktion nochmals in elektronischer Form bekommen und gelesen habe.

Vor dem Kauf eines Buches lese ich die Rezensionen. Wenn in den Rezensionen die Wörter »Plot, Prota, Protagonist, Antagonist« auftauchen, weiß ich, dass dies eine Gefälligkeitsrezension eines »Schriftstellerkollegen« ist. Diese Wörter sind reserviert für die Amateurschriftsteller. Ich kenne keinen Leser, keinen Germanisten und nicht einmal einen professionellen Rezensenten, der diese benutzt. Nur die Amateur- und Möchtegern-Autoren aus dem Selbstverleger-Bereich wollen damit ihre Sachkenntnis unter Beweis stellen.

Seitdem ich den Kindle habe, lese ich bestimmt zehn Mal mehr als zuvor. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, ich hole mir mein Kindle und benutze kurze und längere Pausen im Tagesablauf, die Wartezeiten beim Arzt, Fährfahrten zum Lesen. Ich greife auch zu deutschen Autoren, was ich jahrelang nicht mehr getan habe. Falls ich ein Buch auf dem Kindle gelöscht habe, kann ich es mir jederzeit wieder zuschicken lassen.

Ein Ebook ist ein anderes Medium als ein herkömmliches Buch. Es wird immer gejammert, dass man ein Ebook nicht verleihen oder gebraucht verkaufen kann. Natürlich nicht. Ein elektronisches Buch ist etwas anderes als sein Totbaum-Pendant, und deshalb hinken auch Preisvergleiche. Ein Papierbuch habe ich physisch in der Hand, es hat eine Haptik (fühlt sich an), einen Geruch (je älter, desto schöner), es lässt sich im Bücherregal sammeln (vor allem die Spiegel-Bestseller-Liste, die man nur kauft und in das Regal stellt, aber nicht liest), ich kann es verleihen und wieder verkaufen.

Tausend Ebooks habe ich nur im Lesegerät oder im Wolkenspeicher bei meinem Händler. Damit kann ich nicht angeben. Ein Amazon-Buch kann ich aber auf drei verschiedene Geräte schicken lassen und meiner Tochter oder einem Kollegen das Lesegerät geben - aber wahrscheinlich kauft er das Buch lieber selbst. Ich kann mir Notizen machen oder Ausschnitte markieren, die sogar über alle Geräte synchronisiert werden. Es ist ein anderes Lesen.

Der Kindle kann, wie viele andere Lesegeräte, neben den Dateien im eigenen Format auch PDF-, DOC- und HTML-Dateien darstellen. Jedes Kindle-Gerät und jedes Kindle-Programm hat eine E-Mail-Adresse, und ich kann die beschriebenen Dateien an diese Adresse schicken und auf diese Weise mit meinem Gerät synchronisieren. Vom DRM merke ich nichts, solange ich mich in der Amazon-Welt bewege (und die ist groß genug für mich) und der Kindle auch meine eigenen, DRM-freien Ebooks problemlos verarbeitet. Auch der Software und gewissen Details der Buchgestaltung merkt man an, dass bei Amazon erfahrene Profis sitzen. Die Anzeige von Bildern und sogar von Tabellen funktioniert recht gut.

(Anzeige eines einfachen PDF-Dokuments, die Unschärfe geht auf das Konto meiner geringen Fotografier-Fähigkeiten)

Bei EPUB-Büchern verzichte ich in der Regel auf die Nutzung eingebetteter Schriftarten, sondern benutze meine eigenen Einstellungen, dadurch sind mir die Standard-Schriftarten des Kindle sehr angenehm. Gerade Leser, die keine Computer-Freaks und Bastler sind, sondern »nur lesen« wollen, bekommen mit dem Kindle ein für sie gemachtes Gerät.