Versuchen wir´s. Neun Uhr breche ich auf, Malgeräte und Farben im Rucksack auf dem Rücken, Staffelei unter dem Arm. Ich erklimme die riesige Stadtmauer, die Lucca schützend umarmt seit Ewigkeiten. Die Italiener treiben in Mengen morgensportelnd über die Anlagen: spazierend, joggend, scatend, radelnd ... mit oder ohne Hund ... Auch ich strebe meinem Ziele zu. Die Piazza Anfiteatro ist ein ovaler Platz, 1830 vom Architekten Nottolini ersonnen und verwirklicht auf dem Areal des alten römischen Amphitheaters. Im "Roma", meinem favorisierten Kneipchen vor Ort, lasse ich mir Frühstückskaffee bringen und ein Croissant. Der Platz ist menschenleer, 10 Uhr. Kurze Zeit später, wie von Geistermund befohlen, strömen durch alle vier Tore des Ovals Touristengruppen. Das täglich sich wiederholende irdische Theater dieses Ortes beginnt.

Auch ich beginne mein Tagwerk und probiere kleine Skizzen zum Bildaufbau. Nach dem zweiten Cafélatte setz ich die Vorzeichnung auf Platte. Da ist 13 Uhr heran und der Hunger nagt, v.a. aber der Durst, denn die Sonne ist gut kräftig heute. Das goldgelbe Bierchen ist nötig, es sprudelt vor mir auf dem Tisch, verlockend, wir erwarten die Bruscetta. 13 bis 17 Uhr male ich das kleine Bild vom großen Welttheater. Alles hackt. Das Harmonische sind Farbwahl und die Komposition, die diagonal alles zusammen halten soll. Die ganze Welt - ein Theater! Vorn: zwei Figuren, emotional aufgeladen. Dann die Kulissen des Platzes, da bahnt sich von Balkon zu Balkon etwas an, dreckige Wäsche wurde gewaschen, flattert an der Leine vor den Fenstern, über Gezänk kann Gras wachsen. Und über dem irdischen lauert das himmlische Theater. Selbst dort keift es. Gewitterwand zieht auf und man weist auf uns Figuren.

Ich bin geschafft. Meine Augen wollen schlafen, sehen nichts mehr als Nebel. 22 Euro löhne ich, weil ich hier sitzen und arbeiten und essen durfte. Ich zieh mich zurück und rolle mich ein in meinem Schlafsack ... und träume von harmonischeren Zeiten.