Eigentlich wollte ich heuer nicht hin. Aber meine Pläne änderten sich schlagartig, als mein liebstes Schwesterherz gestern Abend unvermutet ins Krankenhaus musste. Wir hatten für heute ein Seminar in der Südsteiermark geplant, das natürlich ins Wasser fiel, was im Anbetracht der Ereignisse das kleinste Problem war.

Nach einer ziemlich langen Nacht entschloss ich mich, heute wieder nach Wien zu fahren, was ich auch tat und zwar ausnahmsweise mit dem Zug. Meiner Schwester konnte ich ja soweit nicht weiter helfen…

Da stand ich dann also unschlüssig am Wiener Bahnhof und wusste nicht so recht, womit den Tag beginnen, bis es mir schlagartig kam: Heute lief ja noch „Rund um die Burg“, ein vierundzwanzig stündiges Literaturspektakel, das jeden Herbst in Wien stattfindet, seit 1992.

Darin lesen neue Autoren und das Who is Who der österreichischen Literaten nonstop aus ihren Werken.Es beginnt am späten Nachmittag und geht die ganze Nacht, eben bis zum nächsten späten Nachmittag.

Das letzte Viertel habe ich auch heuer davon ergattert und somit war der etwas triste Samstag auch gut gerettet.

Das erste Mal besuchte ich diese Veranstaltung 1995, in dem Jahr, in dem ich mein Studium der Germanistik an der Wiener Uni aufnahm. Beseelt waren wir damals davon und lauschten den Texten. Spätestens in der Nacht schwang das Zelt jedes Mal in einer ganz eigenen, flirrenden Energie, die ein Einschlafen unmöglich machte und die Zuhörer in einen tranceartigen Bann versetzte.

Während meiner Jahre in Spanien geriet „Rund um die Burg“ ein bisschen in meine persönliche Vergessenheit, heute war ich das erste Mal seit 2001 wieder dort.

Es war ganz schön und ich hab eine Menge Anregungen für meinen nächsten Lesestoff erhalten, aber ein bisschen war für mich auch der Geist dahinter geschwunden, auch wenn das Programm heuer wohl einer der hochkarätigsten überhaupt gewesen sein soll: http://www.kzwei.at/931.htm

Aber ich will nächstes Jahr auf jeden Fall wieder hin, da diese Veranstaltung Literatur erfahr- und spürbar macht, wie ich es sonst nur ganz selten erlebt habe.

Leider sind meine damaligen Kollegen, mit denen ich bewaffnet mit Decke, Sitzpolster und mehreren Flaschen Wein los zog, mittlerweile in alle Winde zerstreut. Aber heute, da hab ich wieder einmal an sie gedacht. Wo sie wohl alle sind?

Ich hab an euch gedacht!