Wichtiger Hinweis: Es handelt sich um Fiktion! Eine Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen ist nicht beabsichtigt und rein zufällig!
Ein phantastischer Kongress!
Ein Bericht ... in der Dezemberausgabe des Wasserspeierforums
Zum Ende des gerade vergangenen Monats fand in unserem Münster ein besonderer Kongress statt: Die Hauptversammlung der Europäischen Wasserspeierassoziation.
Dabei kamen Vertreter nicht nur aus Europa, sondern zum ersten Mal auch aus Nordamerika zu Besuch in unsere ansonsten recht ruhige Stadt. Die Mitglieder der Assoziation und ihre Gäste nutzten die Zeit, um sich untereinander auszutauschen, alte Kontakte zu pflegen, neue zu knüpfen und – natürlich – sich auf den neuesten Stand der Forschung zu bringen. Für Letzteres sorgten die hervorragend vorbereiteten Referenten und Referentinnen, die ihre Vorträge auch mit reichhaltigem Bildmaterial illustrierten.
Gegenstand waren, wie es sich die Vereinigung auf die Fahnen geschrieben hat, die Wasserspeier. Doch ein weiteres Novum war zu verzeichnen: In diesem Jahr waren es nicht alleine die echten Wasserspeier, sondern auch die unechten, die Beachtung fanden.
Dem Laien mag der Unterschied entgehen, doch ist er wesentlich; er liegt jedem Wasserspeier sozusagen als „Seele“ inne. Als sogenannte „echte“ Wasserspeier bezeichnet man solche, die eine Regenrinne in sich tragen und Wasser vom Gebäude wegführen. Die „unechten“ Wasserspeier, die auch als "Drôlerien" bezeichnet werden, dienten, wie der Referent von der Kirche Notre Dame in Dijon, ein ausgewiesener Fachmann für diese Spezies, erklärte, entweder ausschließlich als Zierelemente an den Außenseiten des Gebäudes oder ihnen wurde im Rahmen einer Restaurierung die Regenrinne entfernt; sie wurden ihrer Funktion entkleidet.
Womit denn auch schon eine Aufgabe genannt ist, die den Wasserspeiern, die auch in lautmalerischer Anlehnung an das Geräusch des Gurgelns „Gargyle“ genannt werden, zu eigen ist.
Eine weitere Funktion ist in der Abwehr von Bösem und Dämonen zu sehen. Die Gargylen befinden sich sozusagen als Wächter der Gebäude, zumeist Kirchen, an exponierter Stelle.
Es wurde schon verschiedentlich in der Literatur darauf hingewiesen, daß die Gargyle auch den Menschen zur Mahnung dienen sollen. Doch scheint das nur bedingt haltbar zu sein, da sie sich ob der Höhe, in der sie sich normalerweise befinden, in aller Regel dem Blick der Passanten entziehen.
Was die apotropäische Wirkung betrifft, so mag man darüber geteilter Meinung sein, ob es sich dabei um Teufel und Dämonen handelt, die dem Gebäude schaden wollen, oder um den (Wasser-)Schaden bringenden Regen, der durch sie (die echten Wasserspeier) vom Gestein abgeleitet wird.
In Unkenntnis ihrer Herkunft – mit die ersten nördlich der Alpen wurden in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts in Paris beobachtet - werden sie auch als schiere Laune der Steinmetze gesehen, die einerseits die sonst dekorlosen Fassaden ausschmücken wollten, um dem Horror vacui zu begegnen, oder die andererseits ihrer Phantasie oder ihren Launen nachgegeben haben sollen, indem sie in eigenen Proportionen Wesen abgebildet haben, die für Menschen in ihrer Existenz nur schwer vorstellbar waren.
Von ihrer Ausprägung her werden die Gargyle im Allgemeinen unterteilt in solche mit menschlicher, tierischer und dämonischer Gestalt. Dabei gibt es auch Mischformen: Man findet z.B. auf dem Körper der einen Wesensform den Kopf der anderen. Natürlich sorgt das für Diskussionen bei der Zuordnung, wenn man denn eine solche vornehmen will. Doch löst man die Frage wohl am ehesten, indem man für sie eine jeweils eigene Gruppe vorsieht.
Die Überlegungen zu diesem Bereich sind jedoch noch nicht abgeschlossen, ebenso wie die zu der Verteilung der einzelnen Formen an den Gebäuden: Finden sich Dämonen-förmige häufiger an den Nord- oder Westfassaden, während Menschen- und Tierförmige eher an Süd- oder Ostseite zu finden sind? Oder kann man auch hier von willkürlicher Anordnung ausgehen? Diese Fragen werden unsere Forscher in Zukunft beschäftigen, wie der Vortragende aus Köln betonte, der sich unter anderem durch die Wiedergabe von Statistiken auszeichnete, die aus dem Stand schwer nachzuprüfen sind.
Zu vermuten wäre, daß die robusteren Exemplare eher auf der Wetterseite oder der Nordseite zu erwarten sind, weil insbesondere letztere wesentlich nachhaltiger dem Wasser ausgesetzt sind, da die Sonne keine trocknende Strahlen auf sie richten kann.
Besondere Aufmerksamkeit fanden die Vorträge über die aktuelle Situation der Gargyle, über ihren Zustand und erhaltende Maßnahmen. Denn sie sind ja nicht nur Wind und Wetter jeder Art ausgesetzt, sondern bekommen zusätzlich die Folgen der Luftverschmutzung und der Verkehrseinwirkungen zu spüren.
Das bedeutet, ihre Körper – ihre Anker sind ja vom umgebenden Gestein der Gebäudemauern geschützt – müssen z.T. extremen Temperaturschwankungen und jedweder Form von Niederschlag widerstehen. Einfacher Regen wäre nicht das Schlimmste, doch sind durch steigende Industrialierung und Verkehrsaufkommen aggressive Chemikalien in der Luft enthalten. Jene werden vom Regen aus der Luft gewaschen, und diese Lösung greift den Stein noch zusätzlich an und schädigt ihn.
Die Schädigung geht zum Teil so weit, daß Teile der Wasserspeier abbrechen und in die Tiefe stürzen. Wird nicht rechtzeitig eingeschritten, verliert der Gargyle mitunter sein charakteristisches Äußeres. Besorgte Stimmen sprechen sogar von Verghulung oder Zombisierung, da diese geplagten Speier, ähnlich wie es von den genannten Spezies gesagt wird, Körperteile verlieren. Eine Maßnahme zum Schutz gegen das nasse Element, die in letzter Zeit in Mode gekommen ist, ist die Bleikapuze bei Drôlerien, die diese liebenswerte Gestalten wie eine Decke überzieht.
Doch nicht nur meteorologische Phänomene sind eine Belastung, sondern auch Lebewesen.
Es sind Pilze und Flechten, die den Anfang machen, gefolgt von Pflanzen, deren Samen entweder leicht genug sind, mit dem Wind angeweht zu werden und anspruchslos genug, um ihre Nahrung im blanken Gestein zu finden, oder deren Samen durch den Vogelkot auf das Gebäude gelangt.
Es mag wohl nett ausschauen, wenn einem Gargylen Moos auf dem Haupt oder Gras aus dem Mund wächst, doch lösen die Wurzeln der Pflanzen den Zusammenhalt des Steins weiter auf, Wasser kann leichter in die feinen Spalten eindringen und bei Hitze oder Frost das Material zerstören.
Dies führte die Referentin vom Stephansdom in Wien eindrucksvoll aus. Ergänzt wurde ihr Vortrag durch den ihres venezianischen Kollegen, einem athletischen Herrn, der sich anscheinend nicht von seiner Amphore trennen konnte. Er erläuterte den Einfluß, den Vögel, wen wundert’s beim Gedanken an den Markusplatz: speziell die Tauben, auf die Wasserspeier haben. Ihr Kot trägt in Verbindung mit dem Regen dazu bei, den Sandstein zu verätzen, so daß die Gargyle pockennarbig werden. Weshalb er jeden Raubvogel begrüßt, der sich der Basilika San Marco nähern mag. Raubvögel sind gewissermaßen die effektivste Möglichkeit, gegen Tauben einzuschreiten.
Denn Tauben sind Felsenbrüter, die in den verwinkelten Strukturen der ausgeschmückten Fassaden und Dächer optimale Nistmöglichkeiten finden und diese leider nur allzu oft in den Rinnen der Wasserspeier nutzen. Durch das Nistmaterial werden die Regenrinnen verstopft, das Wasser kann nicht mehr abfließen, staut sich und dringt in das Gestein ein. Mechanische oder chemische Maßnahmen an den Gebäuden selbst, um die Tauben fernzuhalten, greifen leider so gut wie nicht, so daß eher die Stadtväter und –mütter sich dieser Angelegenheit annehmen sollten. Es wurde angeregt, von Seiten der Assoziation verstärkt an die jeweils zuständigen Stellen heranzutreten.
Nach einem gemütlichen Zusammensein, bei dem die Tagungsteilnehmer und -teilnehmerinnen lebhaft weiterdiskutierten, ging dieser Kongress in früher Morgenstunde zu Ende.
Wir dürfen uns nun auf das Treffen im nächsten Jahr freuen, wo in Paris unter anderem die Rezeption der Gargyle durch die Medien im Mittelpunkt der Betrachtung stehen wird. Der genaue Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.
Diese kleine Literaturauswahl mag interessierten Lesern unserer Zeitschrift helfen, das Thema zu vertiefen:
- Benton, Janetta Rebold: Holy Terrors : Gargoyles on Medieval Buildings. New York, London, 1997. ISBN 0-7892-0182-8
- Mittmann, Heike: Die Wasserspeier am Freiburger Münster. Lindenberg, 2002. ISBN 3-931820-43-2
- Schymiczek, Regina E.G.: Höllenbrut und Himmelswächter. Regensburg, 2006. ISBN 3-7954-1807-0