„Unsinn! Seien Sie doch vernünftig! Wieso unterstützen Sie diese Idee einer neutralen Weltsprache? Die Sprachbarrieren sind doch längst gefallen! Alle sprechen doch die neue internationale Wirtschafts- und Kultursprache!“
Diese Worte seines Gesprächspartners klangen noch im seinem Kopf nach, als Theodor das Gebäude verließ, wo er gerade ein Anstellungsgespräch geführt hatte. Vielleicht hätte er sein Interesse an dieser Plansprache lieber
doch nicht erwähnen sollen. Wie hatte der Vizedirektor des Unternehmens doch gesagt: „Lächerlicher Pfusch, der
die Menschheit jeglicher Kultur berauben würde“. „Wir werden Sie anrufen“, hatten sie noch beigefügt.
Theodor wusste, dass er seiner Äußerungen wegen alle Chancen auf die Stelle verspielt hatte.
Er besorgte sich das Blatt „Die Finanzielle Zeit“, und ging zum Mittagessen in irgendeine Bratwurstecke. Alle Hauptstädte oder größeren Orte sahen sich mittlerweile ähnlich: Auf seinen Reisen bemerkte Theodor, wie überall dieselben Logos der immergleichen Firmen aufleuchteten. In England, Frankreich oder Ungarn gibt es keine „Pubs“, „Bistros“ oder „Kocsma“ mehr; überall nur noch „Kneipen“. Er versuchte sich London, Lyon oder Budapest vor dem Krieg vorzustellen. Schwierig.
Ja, eigentlich scheint alles nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen zu haben: Der Himmler-Plan finanzierte den Wiederaufbau der zerstörten Länder. Da steckte viel Propaganda mit drin: ein Kilogramm Mehl war nicht ohne zusätzliche 3 Kilo Propagandamaterial zu bekommen, eine Seife gab’s nicht ohne etwas Gehirnwäsche. Bereits der Friedensvertrag war in dieser neuen Weltsprache verfasst worden. So wurde Deutsch zur Sprache von Diplomatie und Wirtschaft.
Theodor vermochte nicht mehr Zeitung zu lesen, zu unstet waren seine Gedanken geworden, und auch die Musik war etwas laut in dem Raum. Um den Text zu verstehen brauchte es allerdings keine allzu große Hirnleistung, die vom Lesen abgelenkt hätte. Der Refrain klang wie „Ich liebe dich, mein Schatz“. Theodor sehnte sich nach Liedern mit wirklichem Text und einer Botschaft. Am Radio kann man nur wenig nichtdeutschsprachige Lieder hören. Sogar immer mehr nicht deutschsprachige Gruppen oder Sänger fingen an, im modischen Deutsch zu singen. Zuerst taten dies die Skandinavier an einem europäischen Schlagerwettbewerb (Eurovision). Da ihre Sprache derselben Sprachamilie angehört, fiel ihnen das leicht. Heute sind Länder, deren Repräsentanten nicht deutschsprachig auftreten, in diesem Wettbewerb erheblich benachteiligt. Die Engländer, welche die letzten Male immer schlecht abgeschnitten hatten, kamen zum Schluss, ihre Sprache sei für modernen Gesang ungeeignet und ihre Vertreter würden deshalb künftig nur noch auf Deutsch singen. Was den Plattenverkauf betrifft: Während andere Länder nur den Binnenmarkt beliefern können, verkaufen deutsche Musikgruppen in die ganze Welt. Übrigens: Da nicht alle den Text verstehen (wirkliche Rockmusik kann aber nur deutsch sein, sowie die Messe lange nur in Latein abgehalten werden konnte), brauchen sie den Worten keine besondere Beachtung zu schenken; das meiste Geld investieren sie lieber in besseren Klang.
Diese allgemein verwendete Nationalsprache hat die anderen Sprachen bereits derart überschwemmt, dass einige (wenige) von „Engleutsch“ reden - einem in England gebräuchlichen Sprachenmix, wobei es sich um ein mit vielen deutschen Wörtern und Ausdrücken durchsetztes Englisch handelt. In gleicher Weise entstand in Frankreich das „Frallemand“. Dort verfasste 20 Jahre nach Kriegsende ein gewisser Etiemble ein Buch mit dem Titel „Sprechen Sie Frallemand?“. Ein klein wenig Erfolg war diesem Buch eine Zeit lang beschieden, indem es ein paar Germanismen ausmerzen half. Später kamen aber für jeden „verbannten“ Ausdruck zehn neue. Aber es liegt gar nicht im Zeitgeist, diesem Phänomen zu widerstehen. Sagen Sie doch einmal auf Französisch „Bonne fin de semaine!“, man wird Sie sogleich korrigieren: „Bonne Wochenende!“, als bedeutete beides nicht genau dasselbe. Vor einigen Monaten hielt eine in linguistischen Fragen bedeutende französische Persönlichkeit einen Vortrag, worin sie darlegte, die französische Sprache sei ihrer noblen Größe wegen überhaupt nicht gefährdet. Hatte nicht schon einmal ein Schiffskapitän ähnliches über seinen Riesendampfer, der Titanic geäußert?, ging es Theodor durch den Kopf.
Auf seinem weiteren Spaziergang kam Theodor an einem Kino vorbei. Dem Aushang war klar zu entnehmen, dass sieben von zehn Filmen deutsch sein mussten. In einigen Ländern werden sie nicht einmal mehr synchronisiert, sondern bloß noch untertitelt — etwa um Geld zu sparen, oder vielleicht nur, damit sich die Ohren der einheimischen Bevölkerung an den Klang der Kolonisatorensprache gewöhnen?
Zu Hause angekommen, schaltete Theodor den Fernseher ein. Die größten auf der ganzen Welt zu empfangenden Kanäle sind die deutschen. Großen Einfluss hat der Allgemeine Deutsche Nachrichtenkanal, deren Gründer die Nachfolger von Göbbels sind. Die Fernsehkanäle anderer Länder zeigen viele deutsche Produktionen; ganz allgemein verwenden sie massenhaft deutsche Ausdrücke — vor allem die englischen Fernsehstationen. So nennt man die „news“ jetzt „BBC-Nachrichten“ oder so ähnlich. England schuf sich sogar einen deutschsprachigen Kanal: „Die Englische Welle“. Theodor schaltete durch die Kanäle. Aber überall nur Propaganda zur Verblödung der Kolonisierten...
Er schaltete den Fernseher aus, um sich an den Rechner zu setzen. Auch auf diesem Gebiet regiert Deutsch. Es ist die Rechnersprache, so wie seinerzeit Latein die Sprache der Kirche war. In Deutschland entstand und erblühte das Rechnerwesen mit den ersten Großrechnern. Deshalb sind diese Geräte mit dem Kode zum Schreiben aller deutschen Buchstaben ausgestattet, aber nicht mit den Akzentbuchstaben anderer Sprachen. In Theodors Arbeitsgebiet wimmelt es nur so von deutschen Wörtern. Sogar in anderen Ländern benützt man die „qwertz“-Tastatur. Programme mit deutschen Namen wie „Fenster“ oder „Kraftpunkt“ machen Furore.
Aber vor allem in der Wirtschaft kommt die Dominanz der heutigen Weltsprache zum Ausdruck. Weil es als modisch und Prestigeträchtig gilt, bewirken Werbung, Geschäfts- oder Firmennamen mit deutschen Wörtern bessere Umsätze. In dieser Epoche der Globalisierung (oder besser Germanisierung) wird Deutsch mehr und mehr zur Arbeitssprache vieler Unternehmen, ganz unabhängig von ihrem Standort. Sogar Firmen in den USA, England oder Frankreich verwenden in Sitzungen Deutsch, selbst wenn alle Teilnehmenden Amerikaner, Franzosen oder Engländer sind. Die internen Dokumente und Reglemente sind sowieso nur auf Deutsch vorhanden. Das alles bringt Theodor immer wieder in inneren Zwiespalt: Obwohl er die deutsche Sprache sehr schätzt, kann er sich nicht damit anfreunden, dass eine Nationalsprache sich zur Weltsprache hochstilisiert und dabei die übrigen Sprachen und Kulturen zerstört.
Die Wirtschaftsmacht des deutschen Staates und die deutsche Sprache gewinnen über einen Teufelskreis immer mehr an Bedeutung: Deutschland ist stark, weil es den Krieg gewonnen hat. Seine wirtschaftliche Potenz förderte die Verwendung des Deutschen als internationale Sprache. Und eben diese breite Verwendung des Deutschen bringt Deutschland zunehmend noch mehr ökonomischen Vorteil. Die nicht deutschsprachigen Studenten müssen dem Erlernen dieser „Universalsprache“ viel Zeit widmen (mindestens 5 Jahre) — Zeit, in welcher Deutschsprachige sich ganz dem gewählten Studienfach zuwenden können. So vergrößert sich besonders auf wissenschaftlichem Gebiet ihr Rückstand gegenüber den „Muttersprachlern“ mit jeder Woche. Außerdem profitieren die Deutschen von dem immensen Vorteil, in ihrer eigenen Sprache publizieren und an Konferenzen referieren zu können. Deshalb sind ihre Veröffentlichungen auch besser und weniger aufwändig. Ihre Vorträge sind überzeugender. Nichtdeutschsprachige — selbst diejenigen, welche bestens Deutsch beherrschen — können nichts veröffentlichen, ohne es nochmals von einem Deutsch-Muttersprachler lektorieren zu lassen. Studien haben gezeigt, dass bei internationalen Treffen die deutschen Muttersprachler 80% der Redezeit beanspruchen. Selbst nach langem Sprachtraining sprechen Nichtdeutschsprachler schlechter als ein einfacher deutscher Straßenpenner. In Debatten können Deutsche alles ausdrücken, was sie möchten, während die übrigen nur das sagen können, was sie auf Deutsch auch zu formulieren verstehen.
Theodor sinnierte weiter: Eine Durchschnittliche Fachkraft mit guten Deutschkenntnissen gilt mehr als eine bestens qualifizierte Person, welche sich nur mittelmäßig in dieser Sprache ausdrücken kann. Ein Deutscher kann ins Ausland gehen und mit Sprachunterricht Geld verdienen. Auch ohne irgendein bestimmtes Metier zu beherrschen, findet er leicht eine Anstellung: Als Textkorrektor wird er immer irgendwo gebraucht. Der Gedanke, dass die Menschheit sich eindeutig in zwei Klassen aufspalten lässt, ist für Theodor furchterregend. Die Leute, welche die neue „lingua franca“ zur Muttersprache haben, gehören zur Oberschicht. In dieser Art eines neufeudalistischen Systems gehören sie zur Klasse der Adligen. Gebrauch und Unterricht ihrer Sprache stellt für Deutschland gigantische finanzielle Quellen dar. Der Aufwand an Geld und Zeit bildet für die übrige Weltbevölkerung faktisch eine Art Sprachsteuer.
Die Oberschicht der verschiedenen Länder dient Deutschland und seinen Unternehmen. Sie verfügt über die Mittel, um die Sprache gut zu lernen und sie schickt ihre Kinder in zweisprachige Schulen oder gar nach Deutschland. Einige sprechen selbst daheim mit ihren Kindern deutsch, damit diese später im Leben bessere Fortkommenschancen erhielten. Große Vorteile erwächst dieser Oberschicht aus der Fähigkeit zu angemessenem Umgang mit den Angehörigen des deutschen Reiches, eine ausgezeichnete Situation für sie, derentwegen sie alles daran setzen, Maßnahmen für eine gerechtere globale Sprachenpolitik zu hintertreiben. Diese Kreise arbeiten faktisch mit den Kolonialherren zusammen und verraten das eigene Volk um schnöden Mammon. Der treffendste Ausdruck für diese Leute: Verräter an Vaterland und Muttersprache, denkt Theodor.
Diese Oberschicht wird von unzähligen Snobs nachgeäfft: Oft nehmen genau diejenigen die meisten deutschen Wörter und Ausdrücke in den Mund, welche die Sprache weniger gut beherrschen. So hält man sie für „kultiviert“ und „modisch“. Diese Snobs gehen Theodor immer auf die Nerven. Wenn er sie darauf anspricht, weshalb sie an Stelle dieses deutschen Modewortes nicht das in der eigenen Sprache vorhandene Wort gebrauchten, erklären sie, es bedeute nicht dasselbe, dass es um Nuancen gehe, welche sich muttersprachlich nicht adäquat wiedergeben ließen u.Ä. Hätten in den vergangenen Jahrhunderten bereits ihre Vorfahren in dieser Weise argumentiert, bestünden für die einfachsten Dinge und Sachverhalte in den meisten Sprachen heute gar keine eigenen Begriffe mehr. Mit Snobs, deren Prozentsatz an deutschen Wörtern in einem Satz allzu hoch ist, verfährt Theodor nach einer witzigen Strategie: Er setzt das Gespräch einfach auf Deutsch fort. Immer köstlich zu beobachten, wenn sich diese dann entschuldigen müssen und gestehen, dass sie Deutsch nicht gut beherrschten.
Alles, was sich auf deutsche Kultur zurückführen lässt, wird als modisch und prestigeträchtig eingestuft. Was von anderen Kulturen herrührt gilt hingegen als rückständig und unfein. In den besiegten Staaten herrschen Propaganda und damit zusammenhängend eigentlich mystische Vorstellungen. Viele wollen in den „Nabel der Welt“ einwandern. Einer nach dem anderen verlassen die besten Wissenschaftler ihre Heimat, um in (und für) Deutschland zu arbeiten.
In der Gründungsurkunde des Europäischen Reiches wurde Gleichwertigkeit der Sprachen als wichtiger Punkt hervorgehoben. Um Zeit und Kosten zu sparen, werden die anderen Sprachen jedoch immer weniger gebraucht. Immer öfter stellen europäische Instanzen ausschließlich deutsche Muttersprachler ein, weshalb Österreicher und Deutsche in großem Vorteil sind. Niemand bemerkt, dass damit künftig die übrigen Sprachen als zweitrangig herabgemindert werden, was wiederum die betreffenden Kulturen schwächen wird. Bereits seit einigen Jahren wählen — auch an Theodors Gymnasium — Schüler vermehrt Deutsch als erste Fremdsprache. Nur eine verschwindende Minderheit lernt noch andere Sprachen.
Je länger Theodor diese ganze Problematik bedachte, wurde ihm klar: Das europäische Reich steht an einem Scheideweg. Bei erster Betrachtung eröffnen sich zwei Möglichkeiten:
Man verwendet mehrere sog. Arbeitssprachen, respektiert also die diesbezügliche Vielfalt und Gleichwertigkeit der Idiome. Das ist jedoch kostspielig und unpraktisch. Übersetzen und Dolmetschen zwischen den verschiedenen Sprachen verschlingt viel Geld, Zeit und Energie.
Der andere Weg weist in die Richtung, im internationalen Verkehr die Nationalsprache Deutsch zu verwenden. Die Mehrheit der Schafe folgt blind dieser „globalen“ Linie, ohne zu bedenken, dass damit die Schwächung der übrigen Sprachen und Kulturen, die „Allverdeutschung“ in Kauf genommen wird, dass man sich sozusagen freiwillig unter Kolonialherrschaft begibt. Beim Beschreiten dieses Weges sehen sie nicht, dass sie wahrscheinlich eines schönen Tages gezwungen sein könnten, selbst mit den eigenen Enkelkindern Deutsch zu sprechen. Würde man nur etwas genauer hinschauen (sofern man das überhaupt noch will oder kann) käme ein dritter Weg zum Vorschein; ganz verborgen hinter einem Gestrüpp aus Vorurteilen, Fehlansichten und nebulösen Argumenten.
Nur wenige kennen die Existenz dieses dritten Weges. Darunter befinden sich auch Leute, die einiges dafür tun, ihre unter der aktuellen Situation bestehenden Privilegien zu verteidigen, indem sie diesen Weg wohlweißlich verheimlichen, gar seine Existenz leugnen; oder sie sagen, es handle sich um einen Irrweg, der nicht begehbar sei. Man zieht alles ins Lächerliche, wie der Vizedirektor der von Theodor heute besuchten Firma. Nur wenige lehnen sich gegen den Imperialismus der „pax Germanica“ auf, etwa weil nur wenige ihrer Gewahr werden? Beeindruckend, was diese Propaganda auf die Dauer nicht alles zu Stande bringt, denkt sich Theodor. Sogar Leute, die selber überhaupt kein Deutsch reden, können ganz ernsthaft behaupten: „Alles spricht Deutsch!“. Niemand informiert darüber, dass mehr als 90 % der Menschheit es nicht tut. Und so ist die deutsche Sprache ganz selbstverständlich die Sprache der Wirtschaft, der EDV, der See- und Luftfahrt…
Ja, offensichtlich scheint die INTER-nationale Sprache Esperanto wirklich unnötig. Wer interessiert sich schon für so eine leicht erlernbare Sprache zum „inter-ethnischen“ Gebrauch; wer will etwas von einer Sprache wissen, die effizientere Kontakte auf gleicher Stufe zwischen Angehörigen verschiedener Völker ermöglicht; was interessiert es schon, dass diese Sprache vielleicht zehnmal schneller zu erlernen wäre als die zur Zeit vorherrschende, nicht nur für eine Elite; eine Sprache, deren Anwendung die Vielfalt der Idiome und Kulturen retten könnte!
Theodor legte sich zur Ruhe. Er war mit sich übereingekommen, beim nächsten Vorstellungsgespräch lieber nichts von seinem seltsamen „Steckenpferd“ zu erwähnen, weil „alle bereits Deutsch sprechen“ und „es eine ganz einfache Sprache ist“ und „die beste im internationalen Verkehr“, ohnehin ist es ja
„die Weltsprache“…
Verfasst durch Thierry Salomon
Ins Deutsche übertragen durch Martin Meyer
Korrigierte Fassung von Karbsangoro Dudek