Während ich mich in Nicaragua aufhalte, spricht US-Präsident Barack Obama vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Anders als zu seiner Rede an der Siegessäule 2008, zu der er als US-Senator und Präsidentschaftskandidat kam, sind nun nur ausgewählte Zuschauer_innen und Zuhörer_innen zugegen. 8000 Polizisten sichern die Stadt, haben tagelang Kanalisationsdeckel versiegelt, Autos und Anwohner kontrolliert. Ich stelle mir den zweitägigen Ausnahmezustand als typisches Berliner Erlebnis vor und finde es schade, daß ich die Atmosphäre in der Stadt nicht direkt als Berlinerin wahrnehmen kann. Aber es gibt ja Internet (auch wenn es „Neuland für uns alle ist“ - Merkel).
Der Spiegel gibt die Rede im englischen Wortlaut wieder:

www.spiegel.de/politik/deutschland/obamas-rede-in-berlin-am-19-juni-2013-im-wortlaut-englisch-a-906741.html

Ich lese sie - und bin enttäuscht. Am 24.07.2008 hörte ich gemeinsam mit etwa 200.000 Berliner_innen und Gästen seine Rede und wurde Ohrenzeugin, wie der erste US-Präsidentschaftskandidat der Welt wörtlich sagte: „It is time to secure all loose nuclear materials; to stop the spread of nuclear weapons; and to reduce the arsenals from another era. This is the moment to begin the work of seeking the peace of a world without nuclear weapons.”

Mein pazifistisch bewegtes Gemüt wagte zu hoffen: Sollte da etwa jemand an die Macht streben, der sich tatsächlich stark für internationale und vor allem US-amerikanische Abrüstung engagieren wollte? Nachdem Obama zum Präsidenten gewählt worden war, brach eine Welle internationaler Glorifizierung über ihn herein, mit der ich persönlich nichts anzufangen wußte und weiß. Politiker_innen sind auch Menschen - ohne „nur“ davor, aber eben das: Menschen. Und für Berufspolitiker_innen, die davon leben, bleibt Machterhalt ein wichtiger Antrieb. Heute also redete Obama als US-Präsident am Brandenburger Tor. Alle wichtigen Themen wurden genannt, aber kaum vertieft:

Klimawandel:
„The effort to slow climate change requires bold action. And on this, Germany and Europe have led.“ – „In the United States, we have recently doubled our renewable energy from clean sources like wind and solar power. We're doubling fuel efficiency on our cars. Our dangerous carbon emissions have come down. But we know we have to do more - and we will do more.“ – „And for the sake of future generations, our generation must move toward a global compact to confront a changing climate before it is too late. That is our job. That is our task. We have to get to work.“
Im Jahr 2013 reicht es nicht mehr, den Klimawandel lediglich als Problem wahrzunehmen, gegen das vorgegangen werden müsse, und zu betonen, daß man sich anstrengen werde.

Geschlechtergerechtigkeit:
„Whether it's based on race, or religion, gender or sexual orientation, we are stronger when all our people - no matter who they are or what they look like - are granted opportunity, and when our wives and our daughters have the same opportunities as our husbands and our sons.“

Rechte für Homosexuelle:
„When we stand up for our gay and lesbian brothers and sisters and treat their love and their rights equally under the law, we defend our own liberty as well. We are more free when all people can pursue their own happiness.“
Offenbar bezieht sich Obama hier nur auf die Homo-Ehe.

Bedeutung von Forschung und Bildung:
„But we believe that real prosperity comes from our most precious resource - our people. And that's why we choose to invest in education, and science and research.“

Pluralistische Gesellschaft:
„When we respect the faiths practiced in our churches and synagogues, our mosques and our temples, we're more secure.“

Migranten:
„When we welcome the immigrant with his talents or her dreams, we are renewed.“

Arbeitslosigkeit:
„We have to have economies that are working for all people, not just those at the very top.“

AIDS:
„Making sure that we do everything we can to realize the promise - an achievable promise - of the first AIDS-free generation. That is something that is possible if we feel a sufficient sense of urgency.“

Internationale Einmischung bzw. Verantwortung in Krisen- und Konfliktregionen und Israelfrage:
„We cannot dictate the pace of change in places like the Arab world, but we must reject the excuse that we can do nothing to support it. We cannot shrink from our role of advancing the values we believe in - whether it's supporting Afghans as they take responsibility for their future, or working for an Israeli-Palestinian peace or engaging as we've done in Burma to help create space for brave people to emerge from decades of dictatorship. In this century, these are the citizens who long to join the free world. They are who you were. They deserve our support, for they too, in their own way, are citizens of Berlin. And we have to help them every day.“

Demokratisierung:
„Our efforts have to be about more than just charity. They're about new models of empowering people - to build institutions; to abandon the rot of corruption; to create ties of trade, not just aid, both with the West and among the nations they're seeking to rise and increase their capacity.“ – Aber wie genau? Wie möchten die USA weltweit Institutionen aufbauen, welche Empowerment-Strategien hat Obama im Kopf?

Guantánamo:
„And in America, that means redoubling our efforts to close the prison at Guantanamo.” – Seit seiner Wahl 2008 unternimmt er „Anstrengungen“ um Guantánamo zu schließen. Was bedeuten „verdoppelte Anstrengungen“ konkret?

Sicherheit und Privatssphäre:
„It means balancing the pursuit of security with the protection of privacy. “ – Wer bestimmt, ab wann eine „Balance“ erreicht sei?

Einzig beim Thema der nuklearen Abrüstung wurde Obama konkreter:
„We may no longer live in fear of global annihilation, but so long as nuclear weapons exist, we are not truly safe.“ – „Peace with justice means pursuing the security of a world without nuclear weapons - no matter how distant that dream may be. And so, as President, I've strengthened our efforts to stop the spread of nuclear weapons, and reduced the number and role of America's nuclear weapons. Because of the New START Treaty, we're on track to cut American and Russian deployed nuclear warheads to their lowest levels since the 1950s.“– „After a comprehensive review, I've determined that we can ensure the security of America and our allies, and maintain a strong and credible strategic deterrent, while reducing our deployed strategic nuclear weapons by up to one-third.“

Obama kündigt nicht an, daß die USA ihre Atomwaffen um ein Drittel verringern würden, sondern sagt, daß die USA ihre Sicherheit auch bei einer Reduktion um ein Drittel gewährleisten können. Eine tatsächliche Reduktion wird also nicht angekündigt. Es soll Gespräche mit Rußland darüber geben. Auch kündigt Obama eine internationale Atomwaffenkonferenz für 2016 an.

Eine für mich interessante Passage ist den meisten Kommentatoren bisher offenbar völlig entgangen: „Our alliance is the foundation of global security. Our trade and our commerce is the engine of our global economy. Our values call upon us to care about the lives of people we will never meet. When Europe and America lead with our hopes instead of our fears, we do things that no other nations can do, no other nations will do.”
Obama bezeichnet den Kontinent Europa mit derzeit 45 souveränen Ländern als „nation“. Wahrscheinlich meint er nicht Europa als Kontinent, sondern die Europäische Union, die derzeit 27 Mitgliedsstaaten hat: eine „nation“? Angesichts der harten Kämpfe innerhalb der EU rund um die Eurokrise, die Grenzen Europas (und der EU) und die „europäischen Werte“, die für alle EU-Mitglieder verbindlich sein sollen, ist es erstaunlich, daß Obama die EU (oder doch Europa?) hier als einzelnen Akteur bezeichnet – seine Worte spiegeln die Tatsache wieder, daß die EU auf internationalen Gipfelkonferenzen längst als ein einziger Akteur in Erscheinung tritt. Und genau auf diesen begegnen sich die USA und die EU, um mehr auszutauschen als freundliche Worte. Auch hierin wird deutlich, daß die EU zumindest angedeutet als „Vereinigte Staaten von Europa“ wahrgenommen wird.

In seiner Rede stellte Obama wiederholt eine enge Korrelation, wenn nicht Kausalität zwischen Frieden und Gerechtigkeit her, die er mit den Worten von Martin Luther King zusammenfaßte: „Injustice anywhere is a threat to justice everywhere.“

Die Rede insgesamt ist vollgepackt, aber unkonkret. Sie enthält viele schöne Phrasen. Es ist eher die Rede eines Bürgerrechtlers, der seine Hoffnungen darlegen darf, als die Rede eines US-Präsidenten, von dem die Menschen konkrete Ziele mit konkreten Instrumenten erwarten dürfen.