In der Nacht auf den 20. März 2003 begann die US-Offensive im Irak.
Ich lese das und bin erstaunt, wie lange das schon wieder her ist...
Wer weiß noch, was er oder sie vor 10 Jahren getan, gedacht hat, sofern der Krieg im Irak damals für denjenigen eine Bedeutung hatte?
Ich weiß es noch und erinnere mich daran, verwundert darüber, wie schnell die Zeit vergeht. Ich war am Abend des 19. März 2003 auf einer Berliner Demo gegen den drohenden Irakkrieg. Wenige Wochen zuvor, im Feburar, hatte es die bislang größte Demo in Berlin gegen, an der ich jemals teilgenommen habe: Über 1,5 Millionen Menschen, angereist aus ganz Deutschland, demonstrierten gegen den angekündigten Irakkrieg, aus dem Old Europe sich damals heraushalten wollte.

Am 19. März abends war auch ich wieder auf einer Friedensdemo. Noch während wir zum Roten Rathaus zogen, erhielten wir plötzlich die Nachricht, daß der Irakkrieg begonnen habe. Live schilderte eine aufgeregte Stimme über einen der Lautsprecherwagen, daß soeben die ersten Bomben auf Bagdad fielen. Es war hochdramatisch. Die Demonstration geriet in Aufregung und löste sich auf. Einige fuhren nach Hause, um Nachrichten zu schauen, einige andere zogen spontan zur US-amerikanischen Botschaft, darunter auch ich. Sofort waren die Straßen voller Polizisten. Die Pazifisten versammelten sich spontan mit Töpfen und Kochlöffeln lärmend vor der Botschaft. Es gab Festnahmen. Nachdem die Situation für mich zu unfriedlich geworden war, fuhr ich nach Hause.

Was folgte, waren Wochen der intensiven Berichterstattung, nächtliche Streitgespräche mit meinem Vater, der für meine pazifistischen Ideen und meine Idee einer starken Zivilgesellschaft nichts übrig hatte, allwöchentliche Berliner Montagsdemo, die auf einen winzigen Kern zusammenschrumpften - aber ich war immer dabei bei den Mahnwachen am Brandenburger Tor -, weitere Demos und Diskussionen und eine veränderte Machtstruktur in der Welt. Irakische Massenvernichtungswaffen wurden nicht gefunden, Saddam Hussein wurde in einem "Erdloch" aufgespürt und hingerichtet, Schuhewerfen bürgerte sich kulturübergreifend als aktiv eine Autorität kritisierende Verhaltensweise ein, die Welt teilte sich in die "Koalition der Willigen", "Old Europe" und die "Achse des Bösen" auf, die USA zelebrierten öffentlichkeitswirksam einen Angriffskrieg, und dem Krieg, der offiziell am 1. Mai 2003 mit dem Sturz Husseins von Bush als beendet erklärt wurde, schloß sich die Besetzung des Iraks an. Angaben über die Opferzahlen schwanken stark - zwischen 100.000 und 600.000 Menschen kosteten der Krieg und die Besatzung das Leben.

In den Kriegswochen, in denen in bisher unbekannter Direktheit, Nähe und auch Sensationsgier über den Krieg direkt aus dem Kriegsgebiet von "embedded reporters" berichtet wurde - wieviele von ihnen lassen sich heute wegen Posttraumatischer Belastungsstörung behandeln? - , verfiel auch ich tageweise der Atemlosigkeit, mit der Korrespondenten aus aller Welt aus Bagdad und anderen Städten im Irak berichteten. Ich schrieb ein Tagebuch speziell darüber, das am 16. März 2003 begann und am 03.03.2004 endete, sich auf über 200 Seiten erstreckend. Ich habe es jahrelang nicht mehr angerührt. Es ist ein Zeugnis davon, wie ich als spätere Politikwissenschaftsstudentin noch stärker politisiert wurde. Der Titel des Tagebuchs ist: Bomben auf Bagdad.