Bereits in der Schule erfuhr ich, dass es in Amerika ein Spiel gibt, das „Football“ genannt wird, obwohl es sich vom bei uns praktizierten Fußball doch sehr stark unterscheidet. Das im zehnten Schuljahr verwendete Englischbuch war sehr auf Amerika fokussiert, und enthielt auch eine grobe Beschreibung des Spiels. Dass es Touchdowns und Field Goals gibt, und wie viele Punkte sie bringen, war mir danach ebenso bekannt wie das Ziel, in vier Spielzügen mindestens 10 Yards Raumgewinn zu machen. Irgendwann bekam ich mit, dass auch in Deutschland Football gespielt wurde – sogar, dass es zwei Mannschaften in Köln gab, die sich Crocodiles bzw. Red Barons nannten. Da die Medien aber recht spärlich über diese Sportart berichteten, hätte ich lange Zeit nicht einmal sagen können, wann und wo die Spiele überhaupt stattfanden.

Kurz nach meinen Abiturprüfungen im Frühjahr 1984 fuhr ich mit der Bahn nach Köln, um im damals größten deutschen Schallplattengeschäft meine Sammlung zu erweitern. Vor der Rückfahrt verbrachte ich die Wartezeit am Pressestand im Kölner Hauptbahnhof, und entdeckte zu meiner Überraschung eine Zeitschrift namens „American Football Magazin“. Es handelte sich um eine deutschsprachige Publikation, die sechsmal im Jahr erschien (sic!) – am Pressestand kaufte ich die aktuelle Ausgabe sowie eine Sonderausgabe zum Start der Football-Saison 1984 in Deutschland. Anders als in Amerika wird Football in Europa in der wärmeren Jahreshälfte gespielt, wohl um die Konkurrenz mit dem Fußball um Spielstätten soweit möglich zu vermeiden.

Die gerade entstandene Zeitschrift brachte mir dann auch gleich das NFL Team, dem ich nun seit fast 40 Jahren die Treue halte. Von Merchandising im heutigen Sinne konnte 1984 natürlich nicht die Rede sein – aber das „American Football Magazin“ vertrieb Poster der damals 28 Mannschaften der NFL. Die Poster waren gemalt, im Vordergrund sah man zwei Spieler, im Hintergrund eine typische Szene für die Heimatstadt der Mannschaft – bei den New Yorker Teams z.B. ein Bild der Skyline von Manhattan. Unter den 28 Postern war eines, das mir direkt gefiel – im Hintergrund sah man flüssigen Stahl aus einer Thomas-Birne fließen, und die Mannschaftsfarben waren Schwarz und Gold. Unter meinen Vorfahren gibt es zwar keine Stahlarbeiter, dafür aber Bergleute – das langte mir, und seither schlägt mein Herz für die Pittsburgh Steelers.

Einige Tage später sah ich dann mein erstes komplettes Football-Spiel – im Kölner Südstadion besiegten die Cologne Crocodiles ein Team namens Hamburg Dolphins. Als die Crocodiles eine Woche später den Erzrivalen und damals amtierenden Deutschen Meister schlugen, die Panther aus Düsseldorf, hatte ich einen neuen Lieblingssport.

Im deutschen Fernsehen suchte man damals die NFL vergeblich. Die seinerzeit noch dominierenden öffentlich-rechtlichen Sender brachten natürlich viel Fußball, manchmal auch Eishockey oder Handball, aber auch solche „Publikumsrenner“ wie Radball, Rhönrad, Dressurreiten oder welches Faible sonst auch immer die Sportkoordinatoren von NDR, WDR usw. haben mochten. Und die gerade erst entstandenen (größeren) Privatsender bewiesen ein geschicktes Händchen, indem sie sich rechtzeitig zu Boris Becker und Steffi Graf die Übertragungsrechte von Tennisturnieren sicherten, oder später dann die Formel 1 pünktlich zu Michael Schumachers Karrierebeginn.

Lediglich einige Glückspilze, hauptsächlich im Süden des Landes, hatten es besser. Der Süden – vor allem Bayern und Hessen – war nämlich nach dem Krieg als Amerikanische Besatzungszone ausgewiesen worden. Und auch in den 80er Jahren waren im Süden noch viele amerikanische Militärstützpunkte. Wer in der Nähe dieser Stützpunkte lebte, und über ein Gerät verfügte, das NTSC-Signale in PAL umwandelte, der konnte AFN-TV empfangen. Und das bedeutete: jede Menge Football, live und in Farbe – sowohl NFL als auch College. Und wer das nicht hatte, der konnte zumindest AFN-Radio auf UKW verfolgen.

Bei uns im Westen blickten wir Football-Fans mit etwas Neid auf den Süden. Der Norden und Westen waren nach dem Krieg zur Britischen Besatzungszone geworden. Bei uns gab es kein AFN, sondern BFBS. Nicht, dass ich mich darüber beschweren will, im Gegenteil. Mehrere Jahre lang bestimmte BFBS meinem Samstagabend, denn um 22.00 Uhr begann „John Peel’s Music“ – ein Programm, das meinen Musikgeschmack prägen sollte.

Kleiner Einschub ohne Bezug auf Football: in jener Zeit wurde ich jeden Morgen von den Sechs-Uhr-Nachrichten auf BFBS geweckt. Und an einem Morgen im März 1982 vermeinte ich - noch im Halbschlaf - zu verstehen, die argentinische Marine habe eine zu Großbritannien gehörende Insel besetzt. Wie ich heute weiß: es war die Insel Südgeorgien. Unsicher, ob ich das wirklich gehört hatte, ging ich zu meinen Eltern in die Küche, wo gerade die deutschen Radionachrichten gelaufen waren. Natürlich ohne diese seltsame Geschichte über Argentinier auf einer britischen Insel, wie mir mein Vater bestätigte. Meine Mitschüler waren noch etwas deutlicher, als ich ihnen die Geschichte erzählte: „Was hast du denn gestern Abend geraucht? Solche Halluzinationen bekommt man nicht vom Wein…“ Ein paar Tage später war dann klar, dass ich nicht halluziniert hatte – ich war wohl einer der ersten Deutschen, die vom Falklandkrieg hörten…

Durch meine neuen Freunde im Fanclub der Cologne Crocodiles erfuhr ich dann, dass es doch eine Möglichkeit gab, NFL-Spiele zu schauen. Ausgerechnet in Düsseldorf gab es eine Firma, bei der man Videokassetten mit aktuellen NFL-Spielen mieten konnte. Genutzt wurde dieser Service in erster Linie von amerikanischen Expats rund um den Globus. Die Spiele, mit dem Originalkommentar von CBS, NBC oder ABC, wurden in den USA aufgenommen, die Cassetten dann per Flugzeug nach Deutschland gebracht, kopiert und mit der Post verschickt. Im Regelfall hatte ich dann am Freitag die Spiele vom vergangenen Sonntag im Briefkasten. Das hieß natürlich auch: ich musste alle Geschäfte, die internationale Presseerzeugnisse verkauften, meiden – denn sonst hätte ich ja vielleicht auf der Titelseite von USA Today die Ergebnisse erfahren, und mir damit die Spannung kaputt gemacht.

Da auf den Cassetten, wie schon erwähnt, die Originalberichterstattung der großen amerikanischen Networks war, wurde ich in den ersten Jahren meiner Begeisterung für Football sozialisiert durch Pat Summerall und John Madden, oder auch Dick Enberg und Merlin Olsen. Das war sicherlich nicht die schlechteste Sozialisierung, wie ich finde. Im Gegenteil: was die Sportberichterstattung anging, waren die Amerikaner uns um Jahrzehnte voraus. Heute noch gebe ich einem damaligen amerikanischen Kommilitonen recht, der sagte: „Deutsche Sportkommentatoren sagen eher wenig – und was sie sagen, ist meistens falsch.“

Irgendwann gegen Ende der 80er Jahre bekam ich dann keine Videokassetten mehr – vielleicht gab es die Firma nicht mehr, oder sie hatten die Vermarktungsrechte für die NFL verloren. Von nun an gab es für mich nur noch eine Möglichkeit, die NFL zu verfolgen (abgesehen von Druckerzeugnissen): AFN-Radio über Mittelwelle… Der Sender lag in der Baumholder Air Base, gut 150 Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Wer schon mal Radioprogramme über Mittelwelle verfolgt hat, weiß was das mit sich bringt – Störanfälligkeit, Abhängigkeit vom Wetter usw. Manchmal war das Signal so deutlich, als säße ich neben den Kommentatoren in der Kabine – und manchmal war nur noch Knirschen zu hören. Zwischen diesen beiden Extremen pendelten die Übertragungen dann hin und her.

Das konnte besonders schmerzhaft sein, wenn Spiele der Steelers übertragen wurden. Ich saß gebannt vor dem Radio, und hörte Jack Fleming sagen: „The Steelers with a first and goal on the six. Brister takes the snap and he…” Und dann: knirsch… knirsch… knirsch… knirsch… Und ich stand dann vor dem Radio und schrie: “Und was? Und was? Komm zurück, was passiert da gerade?” Und wenn ich richtig Pech hatte, kam das Signal zurück und ich hörte – da AFN ja keine kommerzielle Werbung ausstrahlte – einen kurzen Bericht über Studienprogramme für Soldaten. Oder über die Bedeutung von Recycling, oder über örtliche Gebräuche in Deutschland. Diese Unterbrechung bedeutete natürlich, dass im Stadion etwas wichtiges passiert war – vielleicht ein Touchdown, vielleicht auch eine Interception…

Ende der 80er Jahre begannen kleinere Kabelsender, sich für die NFL zu interessieren. Leider wohnten wir in einer kleinen Straße, die im Verkabelungsprogramm der Deutschen Telekom keine große Priorität hatte. Im Januar 1989 erzählte mir meine kleine Schwester dann, dass einer ihrer Mitschüler bereits Kabelfernsehen hatte, und mit einigen Freunden den Superbowl sehen wollte. Ich überredete sie dazu, ihn zu fragen, ob wir auch dazu kommen könnten. Wir konnten, und so sah ich erstmalig einen Superbowl nicht nur in voller Länge, sondern auch live.
Und es war ein großartiges Spiel zwischen den 49ers und den Bengals, spannend bis zum Schluss. Leider hatte der kleine Kabelsender, der das Spiel in Deutschland übertrug, die Dauer der Werbepausen falsch kalkuliert – die Werbung in Deutschland lief immer ein paar Sekunden länger als in Amerika. Alle drei Touchdowns dieses Superbowls passierten unmittelbar nach einer Werbepause. In Deutschland bedeutete das: dreimal begrüßte uns der Studiomoderator nach der Werbung mit dem Satz: „Wir geben sofort wieder nach Miami, wo gerade etwas Spektakuläres passiert ist.“

Ab 1992 hatten wir dann auch endlich einen Kabelanschluss, die NFL gab es auf dem Bezahlsender „Premiere“, wenn auch meist nur als einstündiger Highlight-Film am Montag. Kommentiert wurden die Spiele zumeist von Günther Zapf, den ich nicht nur wegen seines offenkundigen Faibles für die Pittsburgh Steelers sehr schätzte.

A propos Pittsburgh: im November 1993 kam ich dann in den Genuss, ein Spiel der Steelers im Three Rivers Stadium zu sehen. Einige Wochen zuvor hatte ich einen Kollegen in ein Reisebüro begleitet. Während er von einer der Mitarbeiterinnen beraten wurde, fragte ich ihre Kollegin einfach interessehalber, ob es Direktflüge nach Pittsburgh gäbe und was diese kosteten. Ja, es gab solche Flüge, und der Preis war deutlich niedriger als ich befürchtet hatte. Am Abend rief ich dann das Ticket Office der Steelers an – es gab noch Tickets für ein Monday Night Game gegen die Buffalo Bills, und natürlich ließ ich mir ein Ticket reservieren. Am Folgetag buchte ich dann den Flug.

Ich verbrachte zwei herrliche Wochen in Pittsburgh und Umgebung. Als ich das Ticket im Stadion abholte, huschte kurz Coach Bill Cowher an mir vorbei, aber ich war viel zu überrascht um ihn anzusprechen. Das Spiel gegen Buffalo gewannen die Steelers mit 23-0, ich besuchte in Canton die Hall of Fame, und kehrte zurück mit etlichen Büchern über Football im Gepäck. Und ich stellte zu meiner Überraschung fest, dass nicht jeder in Pittsburgh so sprach wie Myron Cope.

Lange Jahre war die Fernsehberichterstattung über die NFL auf das Pay-TV beschränkt. So auch im Januar 2006, als sich die Steelers aufmachten, zum fünften Mal in der Geschichte den Superbowl zu gewinnen. Das erste Playoff-Spiel gegen die Bengals hatte ich noch zuhause gesehen. Aber dann musste ich auf eine mehrwöchige Dienstreise gehen. Am folgenden Wochenende befand ich mich in Prag, wo ich beim Einchecken im Hotel gleich die Frage nach Sports Bars stellte, in den man die NFL Playoffs verfolgen könnte. Die Hotelmitarbeiter hatten große Fragezeichen auf der Stirn – mit dem Thema konnten sie gar nichts anfangen. Vom Spiel der Steelers bei den hoch favorisierten Indianapolis Colts bekam ich also erst mal nichts mit.

Erst ein paar Tage später, beim Einchecken in Wien, konnte ich einer in der Lobby herumliegenden Ausgabe von USA Today entnehmen, dass die Steelers das unglaublich dramatische Spiel gewonnen hatten. Am Wochenende darauf waren wir in München. Das dortige Holiday Inn hatte zwar eine Sports Bar, aber kein Abonnement von Premiere. Doch der Barkeeper war sehr hilfsbereit – in der Sports Bar im Marriott, nur etwa zehn Gehminuten entfernt, könnte ich das Spiel verfolgen. Und so erlebte ich den Sieg der Steelers bei den Denver Broncos in München – und die wenigen anwesenden Fans der Broncos müssen sich vorgekommen sein wie in der North Side von Pittsburgh. Schwarz und Gold waren die bestimmenden Farben.

Zum Superbowl war ich dann wieder zuhause. Das Spiel wurde von der ARD übertragen, einem der beiden großen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, der sich für einige Jahre die Übertragungsrechte gesichert hatte. Die Übertragungen auf der ARD haben mich all die Jahre nie wirklich überzeugt – nicht nur, weil sie uns die ehemalige Schwimmerin Franziska van Almsick, die irgendwann mal ein NFL-Spiel gesehen haben soll, als Expertin verkaufen wollten. Aber auch der etwas missratene Versuch der ARD, ein Event wie den Superbowl zu präsentieren, konnte meine Freude über den Sieg der Steelers über die Seahawks nicht trüben.

In der Zwischenzeit fühlt man sich als dem Football verbundener Fernsehzuschauer in Deutschland wie das sprichwörtliche Kind im Süßwarengeschäft. Seit 2015 überträgt ProSiebenMaxx „on any given Sunday“ zwei Spiele live im Free-TV. Dass der Sender dabei in der Anfangszeit Frank Buschmann als Moderator einsetzte, der dem Publikum schon von anderen Sportarten her bekannt war, halte ich nach wie vor für einen Geniestreich. Buschi, der vorher mit Football eher wenig zu tun gehabt hatte, lernte mit den Großteil der Zuschauer gemeinsam – flankiert von echten Experten, die das Spiel aus eigener Anschauung kennen.

Jan Stecker kenne ich noch aus seiner Zeit bei den Cologne Crocodiles. Roman Motzkus hat damals als Wide Receiver der Berliner Adler die Crocodiles oft genug zur Verzweiflung gebracht. Stecker, Motzkus, Patrick Esume und die anderen Kommentatoren kennen den Sport, sind in der Lage ein Spiel zu lesen, und dies dem Zuschauer auch allgemeinverständlich zu erklären.

An diesem Wochenende werden alle sechs Playoff-Spiele live übertragen. Früher hätte ich sie wahrscheinlich auch alle angeschaut. Da das Spiel der Steelers gegen die Browns erst gegen 2 Uhr nachts unserer Zeit beginnt, und Montag für mich ein ganz normaler Arbeitstag ist, werde ich am Sonntag lieber ein paar Stunden vorschlafen, auch wenn ich dadurch die beiden früheren Spiele verpasse.

Auf jeden Fall lebe ich heute als Football-Interessierter im Luxus – vor allem, wenn ich jetzt noch das Internet mit hinzu nehme, wo ich z.B. auf YouTube jederzeit Dokumentationen über NFL und College Football aufrufen kann. Davon hätte ich vor über 30 Jahren nicht einmal zu träumen gewagt. Umso mehr Spaß macht natürlich auch der Blick zurück in die deutsche Football-Steinzeit. Das Warten auf den Briefträger mit der Videokassette, das Knirschen der Radioübertragung auf der Mittelwelle – es waren schon besondere Zeiten. Zurückhaben möchte ich diese Zeiten aber nicht.

Wohlan – das Kribbeln ist spürbar, und es wird sich bis morgen Nacht noch steigern. Ich bin soweit. Here we go, Steelers, here we go!