Ein kleiner Bericht von den 49. Nordischen Filmtagen in Lübeck in mehreren Teilen.
Für Fortgeschrittene, wenn auch auf anderem Level war sicherlich der neue Film von Ole Bornedal. Bekannt ist er als Spezialist für Horror und Spannung. Also macht er Horror und Spannung - explizit für Kinder! Und schon gingen die Diskussionen los, insbesondere bei den Pädagogen: Geht das denn? Kann man sowas zeigen?
Aber sicher, zumindest von meinem Standpunkt aus. ICH wäre vor 20 Jahren begeistert gewesen, wenn ich sowas zu sehen bekommen hätte! Dieses Marktsegment ist einfach noch nicht beackert worden. Blut sieht man nur in einer Szene der Rest funktioniert über Spannungsbögen, die, bevor es "unerträglich" wird mit einem Comic Relief aufgelöst werden. Es geht um
"Die Vertretungslehrerin" ("Vikaren") einer Klasse, die eine Ausserirdische in menschlicher Gestalt ist. Das wird zunächst nur von einem Schüler erkannt, später auch von der ganzen Klasse, die sich der Gemeinheit und Rücksichtslosigkeit von Lehrerin Ulla ausgesetzt sieht. Die Eltern schenken den Geschichten ihrer Kinder natürlich keinen Glauben, zumal Ulla (Paprika Steen) es auch versteht, die "Alten" um den kleinen Finger zu wickeln. Sie braucht die Menschen aber auf ihrem Planeten, weil sie etwas haben, was ihrer Spezies abgeht: die Fähigkeit, Empathie und Mitgefühl zu empfinden und nicht nur vorzugeben. Für Kinder mit gewisser Medienkompetenz ab so 10-12 Jahre ist der Film sicher großartig. Im Kino saß neben mir ein begeisterter 9-jähriger, ein etwa 11-jähriger Junge vor mir war tendenziell unter'm Sitz verschwunden, und die 4 Mädchen eine Reihe hinter mir (12-13) hatten wohl den Thrill-Ride ihres Lebens (inklusive verkucken in den Hauptdarsteller). In der Sektion der Kinder und Jugendfilme war dieser auch optisch gut gestaltete Film mein Favorit, neben einem, der explizit für Jugendliche gedacht ist, mit einem Thema, welches aktueller ist denn je: Mobbing in der Schule und was daraus folgen kann.
Der Film kommt aus Estland und erzählt die beklemmende Geschichte eines klaren Aussenseiters und eines Klassenkameraden, der erst über die Solidarisierung mit seinem Banknachbarn in den Kreislauf der Gewalt gerät, die für beide zunehmend unerträglich wird, zumal auch von Seiten der Erwachsenen keine Hilfe zu erwarten ist. Der Film folgt einer strengen Chronologie über mehrere Tage den Ereignissen und öffentlichen Demütigungen, die bis hin zu einer öffentlichen (erzwungenen sexuellen) Erniedrigung am Strand reichen, in Folge derer beide Opfer ihren Befreiungsschlag mit Waffengewalt suchen.
"Die Klasse" ("Klass") von Ilmar Raag endet in einem Blutbad. Dieser Showdown in der Schulmensa verläuft für den Zuschauer möglicherweise etwas unerwartet, hält der Film immer wieder inne und nutzt diese Pausen um den Reflektionsprozess der 2 Jugendlichen zu verdeutlichen (wenn sie z.B. jemanden "Falsches" angeschossen haben oder verletzte Personen am Boden sehen). Auch hier kam bei den anwesenden Pädagogen die Frage auf, ob dieser Grad der Gewalt angemessen ist und ob man das nicht auch anders hätte auflösen können. Nein, das Ende ist nur konsequent - so wie es ist. Ich war wirklich beeindruckt.
Ein Wiedersehen der besonderen Art: Morten Grunwald macht auch in homen Alter immernoch Filme (und Theater) Bekannt ist er den meisten "gelernten DDR-Bürgern" als Benni aus der Olsenbande. Hier hat er - pesönlich seinen neuen Film präsentiert:
"White Night" ("Hvid Nat") von Jannik Johansen (in Deutschland bekannt mit der Komödie "Stealing Rembrand - Klauen für Anfänger"). Grunwald spielt zwar "nur" eine Nebenrolle, aber das so nachhaltig, daß man sich zuerst an ihn erinnert und dann erst an den Rest des Films. Die Geschichte dreht sich um
Schuld und Sühne. Ein Immobilienmakler (Lars Brygmann) legt sich abends in der Kneipe mit einem angetrungenen Gast an, das Handgemenge überlebt dieser nicht. Er kommt zwar frei, jedoch plagt ihn fortan sein Gewissen. So schenkt er der Witwe des Toten und ihren 2 Kindern ein Haus, was sein persönliches Ende einläutet. Schritt für Schritt zerfällt sein ganzes Leben, das im Wesentlichen aus Fassaden, Lügen und Geheimnissen bestand. Ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit verfolgt ihn darüber hinaus: Er hat seine Schwester einst zum Drogenkonsum eingeladen und die hat ihren ersten Rausch nicht überlebt. Das hat zum Zerwürfnis mit seinem Vater (Grunwal) geführt. Vergeben müssen hier viele, ehe das Leben wieder in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt werden kann.
[Bei allen Bildern aus den Filmen handelt es sich um Pressefotos © bei den jeweiligen Fotografen / Verleihern / Nordische Filmtage Lübeck.]
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Don Andre pro says: