Schon wieder ein Beitrag:
Kuddel, der Held
Oben sportsmännisch lächeln, aber unten wetzen, dass das Blut aus den Schuhen spritzt: Achim Achilles' Trainingspartner hat wider Erwarten die bessere Zeit vorzuweisen! Damit ist es vorbei mit dem Gönnertum. Vor allem, wenn der Schnellere eher dick und unförmig ist.
"Wir Läufer sind ja vorbildliche Sportskameraden. Wir freuen uns von Herzen, wenn der Rivale vom Lauftreff seine Bestzeit geknackt hat, vor allem dann, wenn er schneller, älter und deutlich schwerer ist als wir, zu allem Überfluß noch eine Frau, erst seit wenigen Monaten dabei und obendrein mit einem unmöglichen Stil unterwegs. Ja, wir gönnen jedem Mitläufer seinen Triumph, der schneller ist. Soweit die Theorie. In der Praxis verhält es sich ganz anders: Der wurstförmige Kuddel zum Beispiel ist die 10 Kilometer neulich in 44 Minuten und 48 Sekunden gelaufen. Ausgerechnet Kuddel, der Trampel, der jedes zweite Training geschwänzt hat, vor allem die giftigen langen Tempoläufe und einen Bauch wie ein Barolo-Faß vor sich her trägt. Wie kann das sein? Da muß ein Messfehler vorliegen. Oder er ist eine Abkürzung gelaufen. Vielleicht war er gedopt. Ich will auch was von dem Zeug.
"Bist Du schon mal unter 45 Minuten gelaufen?", fragt mit lieblicher Heimtücke meine Mona, als ich ihr von Kuddel erzähle. "Äähmtja, im Training", antworte ich, verschweige dabei allerdings, dass die Strecke vermutlich nicht ganz exakt 10.000 Meter lang war, auch wenn sie sich so anfühlte. "Und warum nicht bei einem Wettkampf?", fragt die garstige Gattin mit sicherem Instinkt für den tiefdunklen Fleck in meiner Läuferbiographie. "Irgendwas kam immer dazwischen", sage ich wahrheitsgemäß. Stimmt ja auch. Mal war es zu heiß, mal ich zu müde oder die Strecke zu steil, gerade nach hinten raus.
Oft fehlte auch nur eine klitzekleine Trainingswoche. Auf den letzten drei Kilometern, die mein Kopf stets zu sprinten befiehlt, gehorchen meine Beine übrigens nie. Dagegen kann man einfach nichts zu machen. Wahrscheinlich wieder mal die falschen Schuhe. Oder Socken. Oder beides. Fast immer ist ja auch die Strecke zu lang; nicht auszuschließen, dass sich die Veranstalter bei jeder zweiten Strecke vermessen.
Oder ich laufe nicht auf der Ideallinie, was ja schnell mal ein paar hundert Meter Überlänge bedeutet. Dazu kommt noch das unwürdige Gedränge an den Verpflegungsstationen, das irre viel Zeit kostet. Und diese Zuschauer stehen ja auch nur im Weg rum. Theoretisch jedenfalls bin ich immer schneller als es die Uhr anzeigt. "Kuddel sieht gar nicht sportlicher aus als Du", sagt Mona. Danke, liebe Frau, dass Du den glühenden Dolch in der offenen Wunde auch noch ein paarmal umdrehst.
Als Seine Lässigkeit Kuddel beim nächsten Lauftreff aufkreuzte, standen alle bewundernd um ihn herum und lauschten seinem Heldenbericht. Während er an seinen hühnerhautbezogenen Quallenschenkeln herumdrückte, erzählte der elende Angeber, dass er locker noch hätte schneller laufen können. Klar, Kuddel, logisch. Diese Märchen würde ich auch auftischen, aber nur wenn ich sicher wäre, dass keiner gesehen hat, wie gleich hinter dem Zielstrich schwallweise dieser fiese Cocktail aus halbverdauten Powerbar-Brocken und Guarana-Gel aus meinem saftiggrünen Gesicht gepladdert wäre.
Auch wenn es Überwindung kostet, einem derart charakterlosen Aufschneider die Hand zu geben, erweise ich dem Glücksläufer die unverdiente Ehre. "Spitzenmäßig, Kuddel", sage ich, verwerfe im letzten Moment den Plan, ihm statt eines Schulterklopfens ein Schulterkneifen angedeihen zu lassen und zwinge mich stattdessen zu einem Piranha-Lächeln.
Na warte. Bei nächster Gelegenheit werde ich dich zerquetschen wie eine leere Walker-Trinkflasche. Warum darf dieser Heini so schnell sein? Ich trainiere härter, länger, besser als er. Das ist einfach ungerecht. Ab sofort ist Kuddel mein Lieblings-Erzfeind: oben sportsmännisch lächeln, aber unten wetzen, dass das Blut aus den Schuhen spritzt.
Drei Wochen und etwa sieben Tempoläufe später nehme ich Abstand von meinem Plan. 4 Minuten 40 Sekunden auf den Kilometer, das ist auch eine schöne Zeit. Mein Körper hat sich eben entschieden, dass meine natürliche Schwelle damit erreicht ist. Mein Biorhythmus verträgt einfach keine höheren Geschwindigkeiten. Ist ja auch viel gesünder. Ich werde meine Strategie ändern und einfach warten. Eines Tages wird Kuddel einen Sehnenabriß erleiden oder Schlimmeres, weil er das Training in seiner widerlichen Leistungsgeilheit einfach übertrieben hat. Läufer wie Kuddel machen unseren ganzen schönen Sport kaputt."
Danke, Achim!
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Anne Seltmann pro says:
Mona Lisa says:
Käthe pro replies:
Dreamcatcher replies:
Rasch2000 pro says:
Also: "Mens sana in Campari soda" ...
Mona Lisa replies:
Rasch2000 pro replies:
Mona Lisa replies:
*Reinhard* pro says:
aktion1 pro says:
Käthe pro replies:
Wenn DU wüsstest, wie ich mich zwingen und aufraffen muss, wenn ich endlich mal wieder laufen sollte--ich hab' nicht umsonst dieses Jahr den Halben nicht mitlaufen dürfen/können!!
Sehen wir uns Samstag? Ich freu mich drauf!
aktion1 pro says: