Eugen war sich nicht sicher, ob er wachte oder träumte, als er auf dem Boden der katholischen Bücherei zu sich kam. Noch immer lag er gebeugt über das vor ihm liegende Buch, das er im Halbdunkel nur schemenhaft wahrnahm. Durch die vorhanglosen Sprossenfenster fiel sanft das Mondlicht und kitzelte ihn am Ohr. Die Kirchturmuhr schlug Mitternacht, so laut und unerbittlich, wie der Hartbrandwichtel es von seinem Stammplatz am fernen Teich aus nie gehört hatte.
In Eugens Kopf drehte sich ein wirres Gemisch aus dem, was er im Buch über die Abenteuer des Wichtels Leopold gelesen und dem, was er seit der überstürzten Flucht aus dem Garten erlebt hatte. Eugen musste sich sammeln. Doch ehe noch die Glockenschläge ganz verklungen waren, gewahrte er in der Ecke des Zimmers ein Wesen von anmutiger Schönheit. Erstaunt musterte der Wichtel die Gestalt und kam zu dem Schluss, dass es sich nur um die Gartenfee handeln könne. Zwar munkelte man stets von der Existenz einer solchen, aber niemals hätte der Zwerg auch nur zu denken gewagt, dass er sie jemals leibhaftig vor sich sehen würde. Vor Aufregung verschlug es ihm die Sprache, und sein tönernes Herz rutschte tief in die Latzhose. Nur keine ungeschickte Bewegung machen, nur nichts Falsches sagen, denn auf keinen Fall wollte er die gute Fee verscheuchen. Schließlich erzählte man sich in Hartbrandwichtelkreisen, dass nur sie in der Lage sei, den Wichteln eine rote Mütze zu verschaffen, und das war schließlich neben der gewonnenen Freiheit Eugens größter Wunsch.
„Kennst du mich?“, erklang nach einer Weile eine liebliche Stimme. „Du bist die Gartenfee … und ich wünsche mir eine rote Mütze!“, brach es wie ein Stoßgebet aus dem Wichtel heraus. Das glockenhelle Lachen der Fee erschreckte Eugen. Hatte er einen entscheidenden Fehler gemacht? Waren damit all seine Hoffnungen zunichte? „Langsam“, erwiderte die Fee, „so schnell geht es nicht mal im Märchen. Was ist mit den Aufgaben, die du für deinen Preis zu erfüllen gedenkst?“ „Oh, die Aufgaben“, stieß Eugen eilfertig hervor. „Was muss ich tun? Ich bin bereit, bis ans Ende der Welt zu gehen und für meine rote Mütze zu kämpfen.“ Die Gartenfee lächelte mild, trat näher an den zu allem entschlossenen Zwerg heran und sprach:
„Ich habe dich beobachtet, als du mutig aus dem Garten geflohen bist. In deiner Brust schlägt ein tapferes Herz, und dein Wunsch nach Freiheit spricht für eine edle Gesinnung. Doch viele gingen deinen Weg, erlangten die rote Mütze und konnten dennoch auf Dauer nicht der Versuchung widerstehen, die ein geruhsames Leben in einem sicheren Garten bietet. Sie blieben auf der Strecke, kehrten zurück an die Wichtelstandplätze in Gärten, an Teichen und in den Rabatten der Vorstadtsiedlungen. Das Gesetz aber will es, dass sie damit auf immer zu totem Hartbrand werden, in dem sich nie mehr ein hehres Gefühl regt.“
Das Zauberwesen schwieg und betrachtete den Wichtel eingehend. „Aber was ist mit Leopold?“, wagte der eingeschüchterte Eugen zu fragen. „Leopold“, und die Gartenfee wurde nachgerade andächtig, als sie diesen Namen aussprach, „Leopold war ein besonderer Wichtel. Niemand war wie er, niemand so mutig, niemand so gescheit, niemand hat sich so sehr für die Rechte der Wichtel eingesetzt. … Aber es gibt ihn nicht mehr, und noch keiner konnte es ihm gleich tun.“
Da sprang Eugen auf und rief so laut, dass es in der nachtstillen Bücherstube von den Wänden hallte: „Nur herbei mit den Aufgaben! Was verlangst du?“
„Drei Tage lang sollst du nachdenken und es dir reiflich überlegen. Dann will ich kommen und dich fragen, ob du bereit bist, das Abenteuer zu wagen“, war die Antwort der Gartenfee, die damit verschwand und den verdutzten Eugen allein in der Nacht zurückließ.
So blieb Eugen denn nichts Anderes zu tun, als weiter über Leopold zu lesen, der von nun an sein großes Vorbild war.
weiter: Von nackten Wichteln und ihrer Ehrenrettung
Beginn der Geschichte:
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Pandarine pro says:
Mona Lisa replies:
Rasch2000 pro says:
Pandarine pro replies:
Mona Lisa replies:
"Backen ohne Fett" oder mein liebster:
"Nichtschwimmer in 14 Tagen"
:-))
Inken - f.k. as Hendrike pro says:
Oder an manche Autoren...
Mona Lisa replies:
Inken - f.k. as Hendrike pro replies:
Curlgirl says:
ein tolles Märchen schreibst du da!!!
Mona Lisa replies:
Inken - f.k. as Hendrike pro replies:
Mona Lisa replies:
gin_able says:
Paprikaplains says:
Diedjé says:
Mona Lisa replies:
ich schreibe lieber einzelgeschichten ... und nicht so was märchenhaftes. aber was soll's. jetzt hab ich einmal damit angefangen. :-)
Anne Seltmann pro says:
Aufgeregt wie ein kleines Mädchen stürze ich jetzt zur nächsten Folge....
Michael B. pro says:
Das kann man so gut nachvollziehen ;-)
Echt klasse, die Geschichte, aber ich muss jetzt weiterlesen...
Pandarine pro replies:
Jetzt muss ich meinen Monitor putzen!!!
Mona Lisa replies:
Inken - f.k. as Hendrike pro replies:
Pandarine pro replies:
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