winter*kind Published on April 6, 08
by winter*kindpro

winter*kind's blog

Browse posts
Urlaubsfotos aufarbeiten
Posted on August 27, 08
10 comments (latest 5 weeks ago)
Auf 16:9
Posted on June 22, 08
9 comments (latest 8 weeks ago)
Nicht gesucht und trotzdem gefunden...
Posted on April 21, 08
Großer Jubiläumswettbewerb: "Mein schönstes Zoofoto"
Posted on April 15, 08
10 comments (latest 4 months ago)
auf speziellen wunsch
10 comments (latest 3 months ago)
Worte zum Samstag...
Posted on April 5, 08
25 comments (latest 5 months ago)
huh?
Posted on January 10, 08
6 comments (latest 8 months ago)
Es ist Weihnachtstag
Posted on December 25, 07
3 comments (latest 9 months ago)
Vier Kerzen... und ein Irrtum
Posted on December 18, 07
5 comments (latest 9 months ago)

More information

This post is public
© All rights reserved
  1. 431 visits / 1 vote

auf speziellen wunsch

Sunday April 6, 2008 at 08:48PM

eines einzelnen Herrn...

Das Mutti

Meine geheimnisvolle Verwandlung vollzog sich an einem ganz normalen Montag, nachmittags 17.45 Uhr MEZ, von einer Minute auf die andere. Aus der Spezies „Frau“ (weiblich, besondere Kennzeichen: leichtsinnig, fröhlich bis albern, sinnlich, kapriziös, attraktiv, witzig, mit einem Hang zum Luxus und zum schönen Phlegma) wurde die Gattung „das Mutti“ (besondere Kennzeichen: bieder, belastbar, besorgt, ernsthaft, genügsam, nervös, 24 Stunden voll im Einsatz).

Das Mutti ist streng geschlechtsneutral und kommt überall auf der Welt vor: gehäuft auf Kinderspielplätzen. Zu erkennen ist das Mutti an seiner bellenden oder schrillen Tonlage: „Stefan! Sofort runter da, sonst setzt es was!“, und an einem rastlosen Betätigungsdrang (bevorzugte Tätigkeit: stricken, Rotz abwischen, backe-backe-Kuchen-machen, Mütze ab- und wieder aufsetzen, Apfelsinen schälen, Fläschchen schütteln, Küsschen oder Knüffe verteilen).
Sitzt das Mutti wieder Erwarten mal ganz ruhig da, ist zumindest der Fuß in Bewegung: der schaukelt den Kinderwagen. Das Mutti tritt niemals allein auf, sondern ist stets rudelweise von seinen Jungen umgeben. Sind diese noch klein, trägt das Mutti sie in einer textilen Ausbuchtung vor Bauch und Rücken geschnallt (ähnlich dem australischen Känguruh, jedoch bewegt sich das Mutti nur selten hüpfend vorwärts).
Wenn die Jungen größer sind und aufrecht gehen können, übt es geduldig die Tätigkeit des „Spazierenstehens“ aus. Während das Muttijunge sich im Matsch suhlt, jedes Steinchen auf seine Verwendbarkeit untersucht, Grashalme frisst oder tiefsinnig sein Spiegelbild in Pfützen betrachtet, bleibt das Mutti einfach stehen. So verbringt es einen Großteil seiner Zeit, in Kälte und Nässe ausharrend, stumm, schicksalsergeben.

Mutti ist Frau nicht von Geburt an, zum Mutti wird sie gemacht. Viele Frauen bezeichnen diesen Hergang als äußerst lustvoll, wahrscheinlich gibt es deshalb noch einige von ihnen. Manche machen sich nicht klar, was die Mutti-Metamorphose bedeutet. Auf jeden Fall ist es ein irreversibler Prozeß: einmal Mutti - immer Mutti. Was sich auch darin ausdrückt, dass manche „Vatis“ (männlich, besondere Kennzeichen: oft aushäusig, meist paschamäßig auf Draht und windelmäßig unerfahren, auch – oder gerade – nach der Geburt der Jungen unentwegt um die begehrenswertere Spezies „Frau“ herumbalzend) es fortan neutral „Mutti“ nennen.

Für die Aufzucht (siehe auch „Sozialisation“) sind stets wir Muttis allein zuständig – eine Aufgabe, in der wir für den Rest unseres Lebens aufzugehen haben. Durchdrungen von der existenziellen Wichtigkeit des Brutpflegetriebs werden die Muttis offensichtlich jahrelang zu Höchstleistungen angetrieben.

Einem Mutti – und darin erweist sich die ausgesprochene Widerstandsfähigkeit dieser äußerlich schutzbedürftigen, innerlich aber erstaunlich zähen Gattung – macht es nichts aus, drei- bis viermal pro Nacht das warme Nest zu verlassen, um die brüllenden Jungen mit Nahrung zu versorgen. Ein Mutti ödet es nicht an, täglich den immer gleichen Brei zu bereiten und den immer gleichen Spielplatz mit den immer gleichen Mit-Muttis aufzusuchen und dort die immer gleichen Gespräche zu führen.
Wer sich als Artfremder mit uns Muttis unterhalten will, fühlt sich binnen kurzem außen vor. Haben wir Muttis doch eine Art von Geheimcode entwickelt, mit dem wir uns mühelos untereinander verständigen: Da wimmelt es plötzlich von Worten wie Strampelpeterfixies, Paidi, Peaudoux oder Osh-Kosh, es gibt Duplos, den Sauggli, den Schniedewutz oder den Pipi-Mann, die Tut-tut-Bahn, das Tatü-Tata und das Hoppe-Hoppe; da schwirren exotische Begriffe durch die Luft wie „Agpar-Test“, „Phimose“, „Ur-Vertrauen“, „rechtsdrehender Joghurt“ oder die „Drei- Monats-Koliken“... .

Kurz: Besonders Jung-Muttis, die sich in ihrem Dasein als Frau profiliert haben, indem sie ihr Abi mit „Eins“ und ihr Examen mit „cum laude“ gemacht haben, machen in der Regel eine seltsame intellektuelle Regression durch. Wie alle Muttis dieser Welt verfallen sie in eine Art frühkindlicher Stammelsprache, deren Hauptbestandteil das Diminutiv ist („Will Dodolein jetzt Heia-Heia machen? Aber erst kriegt Dodolein noch ein Küssilein...“).

Die Mutti-Metamorphose ist in allen Bereichen des täglichen Lebens spürbar. Statt „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ liest das Mutti jetzt „Die Häschenschule“, statt raffiniertem „Kaninchen in Senf-Soße“ bereitet es gesunden salzlosen Blumenkohl, statt zu „Cabaret“ geht es ins Kindertheater zu „Peterchens Mondfahrt“ und beim Shopping suchen wir nicht nach einem getupften Ballon-Rock für uns, sondern nach einer strapazierfähigen Latzhose für das Jüngste, genügsam wie wir nun mal sind.

Am verblüffendsten aber ist die optische Verwandlung des Muttis. Knallenge Calvin-Klein-Jeans, spitzenbesetzte BH’s unter schimmernden Seidenblusen, verführerische Stöckel oder ausgeflippte 50-er-Jahre-Klamotten – alles passé. Das Mutti, ewig mit Brei bekleckert und ewig in Zeitnot, hat sein farbenfrohes Kleid abgelegt, mit dem es einst Vati zur Balz aufforderte. Bequeme Jeans, Turnschuhe, ein weites Sweatshirt – so etwa sieht der Einheitslook des mitteleuropäischen Mutti-Tiers aus. Verhaltensforscher sprechen inzwischen schon von einem deutlich ausgeprägten „Mimikry-Effekt“: Je grauer und eintöniger der Alltag des Mutti zwischen Küche-Kacke-Kindergarten ist, desto grauer und einfallsloser kleidet es sich.

Und Vati? Vati, der all das gewollt und verursacht hat? Vati schmollt. Er fühlt sich, zumindest im ersten Jahr, um all das betrogen, was ihm bis dahin lieb und teuer war, seine ungestörte Nachtruhe. Sein geregeltes Sexualleben. Seine spontanen, ausgedehnten Kneipentouren. Seine saubere, untadelig aufgeräumte Wohnung. Seine stets perfekt angezogene Vorzeige-Frau. Seine Vorrangstellung im Herzen derselben.

Statt dessen sitzt er da mit diesem völlig fremden Wesen, dem Mutti, und leidet unter den sogenannten „Baby-Speck“-Symptomen: nächtliche Schweißausbrüche bei der ersten lautstarken Unmutsäußerung des Babys, ein heftiges, langanhaltendes Gefühl der Unzugänglichkeit dem Mutti gegenüber („Was zum Teufel ist teiladaptierte Milch...?“) und des Ausgeliefertseins, das oft klaustrophobische Züge annimmt („Hier komm` ich nie mehr raus, das geht jetzt zwanzig Jahre lang so weiter...“), nie gekannte seelische Wechselbäder von unbändigem Stolz bis zur ohnmächtigen Wut. Unter dieser Schockeinwirkung – also im Stadium der Unzurechnungsfähigkeit – erliegen manche Väter gern der nächstbesten Versuchung, deren Name „Weib“ ist, und trennen sich von Mutti. Doch es nützt alles nichts. An einem x-beliebigen Mittwoch, um 13.34 Uhr, ist es mal wieder soweit: ein zarter Schrei – und wieder ist ein Mutti geboren.

translate into English

10 Comments / add your comment?

H.B. pro says:
Köstlich, diese Beschreibung....!
NUR-
DICH kann ich mir dahinter nicht vorstellen...;-))
Oder...?
Oooooder...??
Posted 6 months ago. ( permalink / translate )
winter*kind pro says:
nicht wirklich, irgendwie hab ich in das schema nie gepasst. und meine tochter würde mir wohl auch was husten, wenn ich so abgleite. nachts das nest verlassen wegen der brüllenden jungen? nö... eine zeitlang habe ich das junge mit ins bett genommen und dann war selbstbedienung angesagt und gefälligst ruhe. das letzte kind hat sich nach geraumer zeit gerächt und mich nachts mit gebrüll aus dem schlafzimmer vertrieben... aber danach war ruhe und ich durfte fortan im wohnzimmer nächtigen *g*

wenn du eine aktuelle vorstellung brauchst:
ich liege auf knien fast betend vor der waschmaschine, die heute den dienst verweigert hat. nach etlichen versuchen hab ich ihr einen fehlercode entlock und sie trotzdem noch zum weiterwaschen überredet. wenn ich jetzt auch noch die offensichtlich kaputte laugenpumpe selber wechsle... nee, das lasse ich dann wohl lieber.
ein 'das vati' für den technischen kram gibts hier seit 15 jahren nicht.

grüsse... das anti-mutti (in teilen garantiert)
Posted 6 months ago. ( permalink / translate )
H.B. pro replies:
Wie mir scheint, hast du also nicht nur beim fahrbaren Untersatz das Steuer in der Hand...;-))
Posted 5 months ago. ( permalink / translate )
winter*kind pro replies:
ich hatte 1993 mal das gefühl, mich genau dafür (und damit gegen den damals angetrauten und annehmlichkeiten, die unterm strich keine waren) entscheiden zu müssen - und das war gut so ;)
Posted 5 months ago. ( permalink / translate )
Pandarine pro says:
Jetzt hab ich sie gefunden, die Geschichte :-)))
Posted 6 months ago. ( permalink / translate )
Bill pro says:
Tscha, was soll ein (Groß)Vater hierzu sagen: hat das alles nicht kennen gelernt. Wir haben das Kind auch mal schreien lassen (Spruch meiner Mutter: schreien stärkt die Lungen). Wenn sie ruhig waren, waren wir es auch. Heute: "das Kind ist ja so ruhig, so kennen wir das gar nicht" erlebt auf einer Geburtstagsparty, wo das Baby trotz Gästelärm ruhig schlief und "das Großmutti" sich besorgt über den Kinderwagen beugte. Ein von der Norm abweichender Großvater, der über die Besorgtheit der heutigen Mütter nur mit dem Kopf schütteln kann.
Posted 5 months ago. ( permalink / translate )
winter*kind pro replies:
beim ersten kind hab ich den fehler auch noch gemacht - nach jeden furz gucken. der war aber auch das, was man heute schreikind nennt. kind 2 war schon deutlich ruhiger und ich auch schon deutlich langsamer.
kind 3 war von geburt an der typ 'lass mich in ruhe und ich lass euch...'. war zwar in allem entwicklungsverzögert, dafür aber immer extrem still und zufrieden wie kein anderes. wurde ihm zu dicht auf die pelle gerückt, hat er die plane des wagens über den kopf hochgezogen und sich darin zurückgelehnt. er war immer der kleine, der seine ruhe brauchte - und heute ist er mit 13 sehr viel verständiger und selbständiger als andere kinder in dem alter.
definitiv - jedes kind hat seinen eigenen rythmus und nach möglichkeit sollte man ihm den lassen. wenn ich alles durchgezogen hätte, was man mir bei speziell dem letzten kind geraten hat, hätte ich mehr probleme mit ihm gehabt.
Posted 5 months ago. ( permalink / translate )
winter*kind edited this comment 5 months ago.
Mona Lisa says:
witzig zu lesen, aber ganz erkenne ich mich auch nicht wieder. "peterchens mondfahrt", klar, das ja ... aber vor allem die unsägliche babysprache hab ich mir gepflegt geklemmt ... und die "krabbelgruppe" war auch nur sehr kurzfristig was für mich. :-)))
Posted 5 months ago. ( permalink / translate )
Retro pro says:
frisch und bunt beschrieben, gratuliere
Posted 3 months ago. ( permalink / translate )
winter*kind pro replies:
danke, aber. ich habs nur frisch kopiert... nachdem ich mich immer wieder mal darüber amüsiert habe und noch immer nicht weiß, wer diese mutation eigentlich beschrieben hat ;)
Posted 3 months ago. ( permalink / translate )

Add your comment

Reply to this comment

Edit your comment

Please sign in to post a comment Sign in now?


rss Latest comments – Subscribe to the feed of this post comments.