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December 17, 2009

Trüffel auf der Elbe

Im Kahnaletto sind Küche und Weinkarte italienisch inspiriert

Kahnaletto
Kahnaletto
Das Wortspiel setzt ein wenig lokale Kunstkenntnis voraus - aber wer im Kahnaletto sitzt, hat die vielleicht und weiß, dass Canaletto der Künstler war, der im 18. Jahrhundert im Auftrag des sächsischen Hofes so wunderschön realistische Bilder malte. Seinen “Canaletto-Blick” mit dem Dresden-Panorama kennt man in Dresden natürlich; deutlich erkennt man am linken Elbufer unterhalb der Kathedrale ein Schiff vor der Augustusbrücke. Seit 1994 liegt die Marion dort: Rechts Theater, links Restaurant. Die Kombination ist schon deswegen gut, weil man vor und nach dem Theater es nicht so weit zum Essen hat!

Man kann natürlich auch ohne Theaterbesuch ins Kahnaletto gehen, um die italienisch geprägte Küche zu genießen. Die Lage (nicht an, sondern auf der Elbe) ist grandios, man sitzt nahezu auf Wasserspiegelhöhe mit Blick auf die Neustädter Seite oder (wenn man einen landseitigen Tisch erwischt hat) mit Blick auf die Hofkirche.

Die Gerichte wechseln häufig, eine feste Karte lohnt nicht: Tafeln mit den jeweiligen Tagesangeboten werden an den Tisch gebracht. Einige Gerichte gibt es wahlweise als Vor- oder Hauptspeise, außerdem kann man fast immer mit den kompetenten und netten Servicekräften über Größen und Detailzusammensetzungen des Angebots reden - so sollte es eigentlich immer sein.

Derzeit sind Trüffelwochen auf dem Kahn – die wunderbaren Duft verströmende Köstlichkeit aus dem Piemont mussten wir also probieren! Wie sie so fein gehobelt auf Fettucine und Rührei dahergeduftet kommt, ist das schon ein Erlebnis für die Nase. Nudeln mit Butter, Rührei und Trüffel sind sowieso ein einfaches Quartett, das kaum zu schlagen ist. Auf der sämigen Kartoffelsuppe roch und schmeckte die Albatrüffel auch – aber die Geschmackskombination war eben nicht so perfekt! Ganz und gar nicht in Ordnung war die Temperatur beider am Tisch servierten Suppen, die obendrein so schnell kamen, dass noch nicht mal der Wein am Tisch entkorkt war.

Große Diskussion löste die Tellerrand-Dekoration am Tisch aus: Atomisierte Möhrenwürfel begleiteten uns vom Schmalzteller zum Brot vorweg (köstlich übrigens, das Schmalz!) über die Suppe bis zum Hauptgang. Warum machen die Köche so etwas Einfallsloses?

Zum Hauptgang gab's Lombardischen Wildschweinbraten – auf recht kleinem Teller in drangvoller Enge angerichtet, aber desungeachtet dennoch geschmackvoll. Lediglich die dazu gereichten Parmesanknödel erwiesen sich als eher freudlos im Mund. Aber mit dem Tirami Su al Limone zum Abschluss riss die Küche alles wieder raus. Frisch, leicht – mehr davon!

Die Weinkarte passt übrigens nicht auf eine kleine Tafel – sie ist umfangreich und verzeichnet, was sicher keinen wundert, viele Italiener, aber auch einige Sachsen und Proben aus anderen Regionen: nicht die preiswertesten Weine, aber alle gut und etliche auch offen serviert.

Restaurant Kahnaletto
Terrassenufer / Augustusbrücke
01067 Dresden
Tel. 0351 / 495 30 37
Fax 03 51/ 495 24 28
Mail info@kahnaletto.de
www.kahnaletto.de

Öffnungszeiten: täglich 12 - 15 Uhr und 18 - 24 Uhr

Getestet am 14. Dezember 2009

[Veröffentlicht am 17.12.2009 in PluSZ, der Beilage der Sächsischen Zeitung]

Published at 07:40 ( 1 comment / 14 visits )
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December 10, 2009

Deftiges mit Paul

Gutbürgerliche Küche in der renovierten Leutewitzer Windmühle

Leutewitzer Windmühle
Leutewitzer Windmühle
Der Dresdner Stadtteil Leutewitz liegt erhaben über der Stadt, aber es geht noch höher: Auf einem kleinen Hügel, der ursprünglich 1839 als Erdhaufen vom Bau des Abwasserschachts der Grubenentwässerung des Wurgwitz-Zauckeroder Kohlenreviers entstanden ist, steht eine Holländer-Windmühle – seit Mai diesen Jahres sogar wieder mit Flügeln, obwohl ja seit 1914 gar kein Mehl mehr gemahlen wird.

Macht nichts, zu einer Mühle gehören Flügel, und das technische Denkmal steht weiß getüncht und abends gut angestrahlt ganz schön stolz auf dem Hügelchen und lädt zum Besuch ein. Drinnen begrüßt uns einer, der nicht Müller ist, sondern Wirt - und das macht er richtig gut: Er strahlt, er geleitet uns hoch in die erste Etage und betuddelt uns (wie auch die anderen Gäste), dass es eine Freude ist.

Das Essen entspricht dem, was man erwartet, wenn draußen "gutbürgerlich" dransteht: Deftiges in nicht zu kleinen Portionen. Alles kommt in beängstigender Geschwindigkeit, woraus man dann so seine Schlüsse zieht, aber Geschwindigkeit ist bekanntlich keine Hexerei, sondern nur eine Frage der Technik.

Die Soljanka ist so, wie viele sie in guter Erinnerung aus Zeiten haben, die schon zwanzig Jahre und mehr her sind. Bis auf die Kresse vielleicht, die oben auf dem Klacks Sahne grüne Farb- und Geschmacktupfer gab. Lecker lecker, aber als Vorsuppe für unsereins verheerend viel. Man hätte ja nicht aufessen müssen - aber wenn's doch so gut schmeckt?! Nicht anders die Tomatensuppe - nichts Besonderes, eigentlich, aber gut gewürzt und kräftig - und oben drauf ein frisches Basilikumblatt und Sprossen, beides gut für Geschmack und Optik.

Das Mühlenfeuerfleisch steht als "scharf " auf der Karte - und große Überraschung: Was da in der Pfanne serviert wird, ist scharf! Das ist schön, denn oft haben Köche Angst vorm Publikum und nivellieren alles auf den größten gemeinsamen Nenner herunter! Wenn nun auch noch die Bratkartoffeln zum Schnitzel nach Wiener Art wirklich so knusprig gewesen wären, wie sie auf der Karte standen, wäre es perfekt gewesen. So waren sie nur gut, aber das ist ja auch schon was wert! Müßig zu erwähnen, dass beide Portionen riesig waren - zum Dessert gab's dann auch keine Plinsen, sondern einen Kräuterbitter!

Nach dem Dessert und dem Bezahlen konnten wir dann übrigens noch Paul kennen lernen: Das ist ein farbenprächtiger Vogel, der nach Papageienart schon mal seinen Kommentar dazu gibt. Wenn Paul gut drauf ist, kann sein Geplapper schon als störend empfunden werden – aber wenn die Gäste gut drauf sind, finden sie Paul wahrscheinlich eher köstlich.

Leutewitzer Windmühle Steinbacher Straße 56
01157 Dresden
Tel.: (0351) 46 44 713
Fax.: (0351) 46 44 714
http://www.leutewitzer-windmuehle.com
eMail diemueller@leutewitzer-windmuehle.com

Geöffnet:
Montag bis Freitag ab 17.00 Uhr
Samstag, Sonn- und Feiertags ab 11.00 Uhr

Getestet am 23. November 2009

[Beitrag zuerst erschienen am 10. Dezember 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

Published at 08:37 ( 0 comments / 60 visits )
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December 3rd, 2009

Perfektion mit optischen Spielereien

Im Meißner Weinbistro 30s kann man genussvoll essen und trinken

30s Weinbistro
30s Weinbistro
Menschen, die sich gerne einmal ein wenig jenseits ausgetretener Wege umschauen, werden selten bestraft. Wer beispielsweise in Meißen die Burgstraße hochläuft, bräuchte nur einmal durch die Toreinfahrt beim Haus Nummer 6 einen Blick in den Hof und das Haus in zweiter Reihe zu riskieren, um eine feine kleine Entdeckung zu machen: Dort tischen „die 30s“ auf, wie sich Olaf und Christiane Dreißig selbst nennen. Er steht in der Küche, sie hat den Service übernommen – zusammen sind sie das Weinbistro 30s.

Viel Platz ist nicht – wer ohne Reservierung kommt, braucht schon ein wenig Glück, um einen der 23 Plätze zu ergattern: Es hat sich zumindest bei den Einheimischen herumgesprochen, was man dort in der Burgstraße bekommt: handwerklich sauberes, genussvolles Essen und eine überschaubare, aber gute Auswahl hauptsächlich deutscher und europäischer Weine in sehr angenehmer Atmosphäre.

Die Karte ist nicht groß, aber dennoch ist für viele Geschmäcker etwas dabei. Wir stellten uns je ein Drei-Gang-Menü zusammen, das Dank zwei kleiner Vorabs noch ein wenig aufgehübscht wurde: Zuerst gab's ganz harmlos Brot und Gänseschmalz – aber von der gefährlichen Sorte, wo man gar nicht aufhören kann zu naschen. Warmes Brot, krosse Kruste, feines Schmalz – herrlich! Dann, immer noch vor dem ersten Gang, als Gruß aus der Küche ein Kürbissüppchen mit Kürbiskernöl, das mit einer schönen Ingwerschärfe den Gaumen kitzelte. Wir waren gut vorbereitet!

Die Mediterrane Fischsuppe mit Knoblauchcrôutons hatte südfranzösische Qualität, mit reichlich Fisch und Meeresfürchten verschiedener Sorten, wie es sein sollte. Nur die Petersilie obendrauf, die passte gar nicht (eine Rouille wäre besser gewesen!). Hausgemachte Kürbisravioli mit Salbeibutter auf Lauchgemüse, die zweite Vorspeise, zerging auf der Zunge und offenbarte würzigen Kürbis. Und obendrauf? Grüne Petersilie und eine lila Blüte. Um es kurz zu machen: Dieses Deko-Pärchen zierte auch die beiden Hauptgänge. Aber das vergessen wir mal für einen Moment.

Rosa gebratenes Lammcarree mit Kräuterkruste, gerösteten Chorizo-Scheiben und scharfem Paprika Couscous auf dem einen und Rosa gebratene Barberieentenbrust mit Rahmschwarzwurzeln im Kräutercrépes auf dem anderen Teller waren beide perfekt gemacht! Selbst gerne nörgelnde Kleinigkeitenfinder hätten es schwer gehabt: Zartes Fleisch auf den Punkt gegart, würzende Kräuter (mal auf dem Fleisch, mal auf der Crépe) – und im Falle der Schwarzwurzeln, die sicher manch einer schon in der abschreckendsten Art und Weise serviert bekommen hat, große Freude, wie schmackhaft das Gemüse sein kann.

Die Dessert-Überraschung war die Crème brûlée von dunkler Schokolade und Vanilleeis: Passte, sogar die Deko! Und für die anderen Schmuck-Blüten-Versuche bekommt Olaf Dreißig ja vielleicht zu Weihnachten ein Büchlein von Antoine de Saint-Exupéry, der schon 1939 schrieb: "Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzu zu fügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann."

30s Weinbistro
Burgstraße 6
01662 Meißen
Telefon: 03521 – 476498
E-Mail: info@30s-weinbistro.de
Internet: http://www.30s-weinbistro.de

Geöffnet: Mo, Mi-Sa ab 17 Uhr
Sonn- und Feiertag ab 12 Uhr

[Beitrag zuerst erschienen am 3. Dezember 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

Published at 13:34 ( 4 comments / 70 visits )
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November 26, 2009

Hollebolle an der Elbe

Geschmacksexplosionen im Maritim - leider dank Küchen-Chaos kalt serviert

Wintergarten
Wintergarten
Hotelrestaurants haben nicht immer einen guten Ruf, zu oft bekommt der Gast da Beliebiges serviert und hat daher den meist auch eher ungemütlichen Ort außer zum Frühstück zu meiden gelernt. Andererseits befinden sich die besten Restaurants der Republik ausnahmslos in Hotels – mal sehen, welchem der beiden Extreme sich der Wintergarten im Hotel Maritim hingezogen fühlt.

Wer in den Wintergarten will, muss sich erst einmal durch den halben wunderschön umgebauten Erlweinspeicher mühen, wobei das Foyer mit seiner lichten Höhe beeindruckend und der Gang durch den für Frühstück und große Gesellschaften vorgesehenen Teil des Hotelrestaurants belastend ist. Hotelarchitekten werden es wohl nie lernen, dass auch große Hotels für ihre kleinen feinen Restaurants einen separaten Eingang benötigen.

Der Wintergarten liegt ganz am Ende, einige Stufen über dem Rest des Restaurants. Den Pianospieler, der weiter unten spielt, hört man natürlich dennoch – und man fragt sich, ob das ein Gewinn ist ob des Repertoires aus den 60ern und 70ern (Roy Black wird auch in der Flügelversion nicht besser!). Doch irgendwann hört man drüber weg und widmet sich der Karte. Schon beim Lesen merkt man, dass der Koch einerseits eine Vorliebe für herzhaft-süße-Kombinationen hegt und andererseits gerne exotisch würzt. Wir lassen uns drauf ein und werden, was die Geschmacksnerven anbelangt, nicht enttäuscht.

„Winterlich gebeizter Lachs mit Schokolade, Chili und Linsen“ war ein vergnüglicher Auftakt des Erlweinmenüs, wobei die Chili-Schoko-Lachs-Kombination in bester Erinnerung blieb. Die Suppe zum Menü greift alte regionale Hausmannskost auf und verfremdet angenehm: Steckrübensupppe (köstlich mit Sahne aufgeschlagen) mit Birne und scharfer Chorizo – so hätten es unsere Altvorderen auch gerne mal gegessen! Weniger Zufriedenheit beim Gegenüber: Der „Winterliche Gewürzsud mit Süßkartoffel, Granatapfel, Koriander und Jacobsmuschel“ war leider nicht mal lauwarm, und falls die Idee war, die Süßkartoffel im heißen Sud ein wenig nachgaren zu lassen, so scheiterte das auch an der Temperatur. Schade, denn die Geschmacksnerven jubilierten bei der Kombination, die bei uns intern unter „Jacobsmuschel im Yogitee“ lief.

Wir reklamierten beim übrigens nicht nur an unserem Tisch hervorragend verbindlichen, schnellen und freundlichen Kellner und wurden versichert, dass er es der Küche sagen würde. Zum Ausgleich avisierte er uns schon mal einen Espresso auf Kosten des Hauses.

„Lamm mit Salsiccia, Aubergine, Zucchini, Tomate, Pesto und Oliven“ aus dem Erlweinmenü waren perfekt fürs Auge wie für den Gaumen – sogar die Temperatur stimmte! Anders wieder beim Gegenüber: prima rosa gebratenen Entenbrust mit Wirsing, der nahezu Rohkostqualität aufwies was Temperatur und Garpunkt anbelangt. Darunter litt dann auch der Rest (Bananen, Kokos, Rosinen) sowie der ebenfalls handkühle Quark-Mohn-Knödel. Er wisse auch nicht, sinnierte unser Lieblingskellner, was los sei. Wir einigten uns auf den schönen Begriff „Hollebolle in der Küche“ und nahmen sein Angebot an, noch ein Dessert auf Kosten des Hauses bringen zu dürfen? Die Käsevariation kam so kalt wie wir sie erwartet hatten!

Eine lustige Angelegenheit war das Dessert aus dem Menü: "Dresdner Stollen Dessert in vier Phasen" mit blauer Zuckerwatte obenauf und drei süßen Schichten drunter in einem Glas erinnerte an Stollenteignascherei - fehlte nur der Stollenlikör dazu!

Womit wir bei den Weinen wären: Auf der Karte stehen erfreulich viele offene und, für die etwas gehobenere Qualität, auch autofahrerfreundliche halbe Flaschen. Dazu ein umfangreiches Angebot an Flaschenweinen aus Deutschland und der Welt – keine Spitzenweine, aber ordentliche Qualität mit verträglichen Preisen.

Wintergarten
im Hotel Maritim
Devrientstr.10/12
01067 Dresden

Tel.: 0351/2160
http://www.dresden-congresscenter.de/de/maritim-hotel/gastronomie/restaurant-wintergarten

Geöffnet: täglich 18 – 22.30 Uhr

[Beitrag zuerst erschienen am 26. November 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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November 24, 2009

Vom Web aufs Papier

STIPvisiten Apulien
STIPvisiten Apulien
Internet ist schön, aber Gedrucktes hat auch was - es fühlt sich besser an und ist, im Falle eines Buches, als Klo- und Bettlektüre immer noch praktischer als ein moderner iMac mit 27 Zoll. Und auch ein Kalender, der an der Wand hängt, gereicht meist mehr zur Freude als ein dort hängender Flatscreen mit immer dem gleichen Bild.

Nun gibt's also ein neues Buch aus der Reihe der STIPvisiten - die Apulien-Berichte, die hier alle erstmals zu lesen waren, haben sich mit den ebenfalls hier zuerst gezeigten Bildern zum Reiseverführer zusammengefügt. Gedruckt wird in Einzelexemplaren bei Blurb, was leider seinen Preis hat - aber die Qualität ist in Ordnung, mit Hardcover, Schutzumschlag und gutem papier.

Square2010: Titelblatt
Square2010: Titelblatt
Den Kalender gibt es auch gedruckt - erstmals bei einer Druckerei hier aus dem Raum, die ich über Twitter-Bekanntschaften kennen gelernt habe: Networking vom Feinsten! Wer den A3-Kalender nicht sowieso geschenkt bekommt, kann sich aber hier die Bilder herunterladen und selbst ausdrucken oder daraus einen monatlich wechselnden Desktop-Hintergrund machen, groß genug sind die Daten ja.

Service
Das Buch bei Blurb ansehen und kaufen
Den Kalender im Album ansehen

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November 12, 2009

Ein Hauch von Russland

"An der Rennbahn“ gibt es gibt reelle Kost zu vernünftigen Preisen

An der Rennbahn
An der Rennbahn
Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand. An der Theke sitzt in sich versunken ein grauhaariges Mütterchen im rotweißkarierten Kleid mit weißer Kittelschürze – immer, denn es ist eine Puppe. Das war's aber auch schon an Irritationen im Restaurant „An der Rennbahn“. Die anderen Plätze sind mit Menschen aus dem wirklichen Leben besetzt, die sich bei unseren beiden Besuchen aufs Angenehmste unterhalten – eine nette Atmosphäre...

...die ihre Fortsetzung findet in vielen anderen Dingen. Wir treffen auf eine superfreundliche und schnelle Bedienung, die (später, als es um den passenden offenen Wein zum Essen geht) sich kurz entschuldigt und die beiden zur Frage stehenden Flaschen bringt und uns probieren lässt. Wir bekommen ein Essen, das als „gutbürgerliche Küche“ (so steht's auf dem Auto hinterm Haus) trefflich umschrieben ist: Es gibt reelle Kost zu vernünftigen Preisen – und manchmal auch eine Überraschung.

Für die Überraschungen in der Küche sorgt Ivan Arestov. Er ist hiesigen Restaurantgängern kein Unbekannter, denn er hat schon im Grumbacher „Julius Kost“ und in der Striesener „Kanzlei“ Akzente gesetzt. Jetzt kann man „An der Rennbahn“ die Koch-Einflüsse seiner russischen Heimat schmecken. Zum Beispiel bei der Soljanka, die bei unserem ersten Besuch der Herr am Nebentisch so dolle lobte, dass wir sie bei der zweiten Stipvisite im Restaurant selbst probierten und ebenfalls beglückt waren: gehaltvoll, fein säuerlich abgeschmeckt, beste Qualität der Zutaten. Die andere probierte Suppe, eine Kürbiscremesuppe, wies allein gelöffelt wenig Eigengeschmack auf, aber Dank reichlich gebratener Knoblauch-Salami hinterließ sie insgesamt doch einen positiven Eindruck.

Immer in der ersten Woche eines Monats ist seit Neuestem die „Russische Woche“ angesagt, weswegen wir zum Hauptgang in der Spezialkarte fündig wurden: Die „Spitzkohlröllchen mit Lammgehacktem“ sind als deftige Einmaligkeit in Erinnerung geblieben, dazu gab es Kartoffel-Kürbis-Puffer, die eine nette Idee sind, aber ein wenig krosser hätten sein können. Das „Stroganoff“ mit Gemüse-Reis ist (wie erwartet) eher ein normaler braver gut schmeckender Klassiker – eben gut und bürgerlich.

Die Portionen sind groß, aber am Nachbartisch haben sie alle ihre Teller leer gegessen. Wir sparten uns ein Loch im Magen – für köstliche Desserts. Alle mit Eis sind besonders zu empfehlen – denn das wird selbst gemacht, was man eindeutig herausschmeckt!

PS: Wenn wir wieder hingehen, werden wir sicher auch mal das Ostalgie-Menü aus der Speisekarte von 1984 probieren. Da hatte Familie Bolz das Haus übernommen – und es erfolgreich über die Wende geführt. Anlässlich des 25jährigen Jubiläums steht nun Eierflockensuppe, Leberscheiben vom Schwein mit gebratenen Zwiebeln und Kartoffelbrei sowie als Dessert Ananaskompott mit Sahnetupfer auf der Karte. Für 6,85 M (zu zahlen allerdings 1:1 in Euro).

Hotel und Restaurant "An der Rennbahn"
Winterbergstraße 96, 01237 Dresden

Tel.: 0351/ 212500
http://www.hotel-an-der-rennbahn-dresden.de

geöffnet: täglich ab 11.30 Uhr

[Beitrag zuerst erschienen am 12. November 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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November 7, 2009

Die mit dem Apostroph tanzt

Vorzüglich speisen im Restaurant von Evi

Evi's Restaurant
Evi's Restaurant
Öfter mal was Neues: Wir haben den Apostroph versenkt und ihn zum Komma gemacht! Aber was sind denn Äußerlichkeiten? Zu vernachlässigen, genau! Also gehen wir trotz des Schildes mit der geschwungenen Schreibschrift und dem falschen Apostroph, der zum komplett sinnlosen Komma wurde, doch einfach rein in "Evi,s Restaurant". Es liegt etwas abseits von der Altkötzschenbrodaer Touri-Meile - aber die paar Meter vom Anger lohnen sich!

Innen drin ist es erfreulicherweise nicht so schnörkelig, sondern schon fast ein wenig streng - aber das mag ich ja. Außerdem stehen Kerzen und Blumen auf den Tischen, die nett eingedeckt sind. Bis zu 30 Gäste finden hier Platz - und im Sommer bei gutem Wetter kann man auch im noch kleineren Garten sitzen (von draußen kann man da durch ein gezieltes kleines Loch in der Wand reinsehen - eine lustige Idee!).

Was hat die freundliche Bedienung gebracht? Nur Leckeres! Die Hokkaido-Kürbis-Suppe mit drei Stückchen Lachs schaumig im Glas serviert - ein sehr feiner Auftakt! Das Vitello Tonnato kam einmal etwas anders serviert auf den Tisch als man das so gewohnt ist: die Sauce separat im Glas. Optisch ansprechend und auch voller Geschmack - wobei das beste Vitello für Dresden und Umgebung meiner Meinung nach seit Jahren in der Villa Marie serviert wird. Platz 2 also für Evi!

Wenn es in einem guten Haus Jacobsmuscheln gibt, muss ich zuschlagen - bei Evi war das eine mehr als gute Idee. Saftig, frisch, geschmackvoll, mit einem angenehm angemachten Salat waren die Jacobsmuscheln der kleine Höhepunkt des Abends. Von den Hauptgerichten blieb der Red Snapper in Erinnerung - weil der mit ein wenig Pech ja durchaus belangslos schmecken kann. Tat er aber nicht - was vielleicht auch an der Kombination seiner Begleitung auf dem Teller lag: Hummer-Schaum-Sauce, geschmorter Fenchel und Kräuter-Polenta.

Soll's das schon gewesen sein? Oh nein: Dessert! Die (unvermeidliche?!) Créme Brûllée mit marinierten Quitten und Haselnuss-Eis ergaben einen Dreiklang, den man nicht so schnell vergisst. Was freilich auch für die Mousse von der Valrhona-Kuvertüre mit Pistazien-Parfait im (weißen) Schokokegel gilt - wer also allein kommt und nicht die Möglichkeit hat, vom Nachbarteller zu naschen, wird vor schwere Entscheidungen gestellt (oder nimmt, alternativ dazu, gehörig zu an diesem Abend).

Die Weinkarte ist nicht riesig, aber ausreichend - zumal es die meisten der sächsischen Weine, die hier von Schloss Proschwitz, Jan Ulrich, Martin Schwarz und anderen angeboten werden, auch im Glas gibt.

Evi’s Restaurant und Weinstube
Gradsteg 1 · 01445 Radebeul
Telefon: (0351) 795 11 01 · http://www.evis-restaurant.de

Montag bis Samstag ab 17:30 Uhr · Sonn- und Feiertage ab 11:30 Uhr

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November 3rd, 2009

Zehn Elefanten auf Tour: (Bild-)Geschichte eines Umzugs

Es geht eine Maschine auf Reisen...
Es geht eine Maschine auf Reis…
Maschinen haben keine Namen - und wenn, dann meist eher ganz merkwürdige. Sprachler würden dann auch nicht Name dazu sagen, sondern es eher Bezeichnung nennen. Weil aber "walter+bai 20-MN-Belastungsrahmen" nicht so gut klingt wie beispielsweise "Jumbo", wollen wir den 60-Tonner fortan Jumbo nennen. Das passt auch ganz gut, weil sich ja kein normaler Mensch vorstellen kann, wie schwer 60 Tonnen wirklich sind - und da bietet sich doch der Vergleich mit Elefanten an, die gut und gerne 6 Tonnen auf die Waage bringen, wenn man eine passende Waage zur Hand hat. Zehn Elefanten auf Tour - darum geht es jetzt. (Wer mangels Erfahrung mit dem Elefantenvergleich nicht klar kommt, kann gerne weiter herunter rechnen: 60 Tonnen entsprechen 60.000 Kilo-Paketen Zucker. Oder 20.000 Kilo-Paketen Zucker plus 20.000 Kilo-Paketen Mehl plus 80.000 Päckchen handelsüblicher Butter, aus denen man reichlich 40.000 Kuchen nach dem Rezept "Pfund auf Pfund" backen könnte - aber ich schweife ab).

Zurück zu Jumbo! Der 20-MN-Belastungsrahmen ist eine Prüfmaschine, die im Otto-Mohr-Laboratorium (was hier alle kurz OML nennen) steht. Mit diesem Rahmen kann man Stahlkabel und Spannglieder prüfen, aber auch Platten, Balken oder Stützen mit einer Länge von bis zu 7 Metern. So weit, so gut. Das Problem war nur, dass Jumbo auf einem Platz stand, den man für andere Dinge benötigte. Und nun bewege mal einer in einer geschlossenen vollgestellten Halle einen Jumbo oder zehn afrikanische Elefanten oder 40.000 "Pfund-auf-Pfund"-Kuchen!

Kunst der Arbeit
Kunst der Arbeit
Dr.-Ing. Torsten Hampel, Leiter des OML, hatte zur Lösung des Problems eine Antwort parat: "Die erste Variante hätte eine Demontage des Rahmens bedeutet. Aber die Umsetzung und die erneute Montage des Rahmens am neuen Standort hätten einen Zeitraum von etwa sechs Wochen in Anspruch genommen!" Das war dann doch ein bissel viel, also dachte man nach, besann sich auf vorhandene Kenntnisse und bereits praktizierte Kooperationen und entwickelte im Team diese Idee: "Wir heben den Spanngliedrahmen an, setzen ihn auf Schwerlastwagen und fahren ihn dann durch das OML!" Klingt leicht, ist es aber nicht. Zwar war das Ausheben durch die im OML vorhandene Prüftechnik möglich, und sowohl Schwerlastwagen als auch das Verschieben des Rahmens sind für den Kooperationspartner, die Firma Ratschaisenträger, nichts Neues. Aber wie immer steckt der Teufel im Detail: Die Schwierigkeit bestand darin, dass nicht alle Bereiche des OML-Fußbodens ausreichend tragfähig für den 60-t-Rahmen waren: Kanäle für allerlei Technik führen durch die Halle und sind mit Blechen abgedeckt, die gut und gerne eine Horde Studenten aushält, aber keinen Jumbo. An einer Stelle auf dem Weg zum neuen Standort für den 20-MN-Belastungsrahmen ist die Abdeckung des Kellerzugangs nicht ausreichend tragfähig.

Men at Work
Men at Work
Was tun? Eine ganz spezielle Transport-Technik entwickeln! Mit einer vorab ausgetüftelten und in der aktuellen Situation verfeinerten Hebe- und Schiebetechnologie konnten die entsprechenden Bereiche überwunden werden. Der Techniker sagt: "Dafür wurden mehrere Pressenpunkte am Rahmen vorgesehen. Wir haben in mehreren Phasen den Rahmen hochgehoben und die Schwerlastwagen umgesetzt!" Wobei die Schwerlastwagen eher aussahen wie so kleine niedliche Möbelverschiebehilfen. Aber die Kleinen haben es in sich und können eine Menge Druck vertragen! Imposant, imposant - und auf die Gefahr der Wiederholung: Klingt alles leicht, ist es aber nicht. Wie angespannt die Leute zugange waren, merkte man am Geräuschpegel: Nichts, aber auch gar nichts außer dem leichten Surren der Zugmaschine war zu hören. Volle Konzentration, wenn es drauf ankam. Und dann, als es geschafft war, ein beherztes und lautes: Färdsch!

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October 21, 2009

Ambitioniert Klingendes und Bodenständiges

Seit 15 Jahren Restaurant mit Anspruch: Gutshof Puschwitz bei Bautzen

Gutshof Puschwitz
Gutshof Puschwitz
Huch!“, sagte die Chefin, als sie den Grappa am Ende des Abends einschenkte. „Huch, das ist ein bisschen viel geworden! Aber Sie vertragen das schon...“ Klasse, wie sie so unsere Standfestigkeit einschätzt. Aber es stimmt ja: Bei einem guten Grappa darf's ruhig ein bisschen mehr sein! So gesehen fanden wir das eher lustig – auch wenn eine Bedienung sich mit Äußerungen zum Alkoholgenuss ihr fremder Gäste besser zurückhalten sollte.

Wir waren in Puschwitz! Der Gutshof in dem etwa zwölf Kilometer nordwestlich von Bautzen gelegenen Ort kann auf eine wechselhafte und lange Geschichte zurückblicken, in der sich Adlige und Bürgerliche durch Verkauf (und auch durch Enteignung) die Klinke in die Hand gaben. Seit Anfang der 90er Jahre ist ein neues Kapitel im sorbisch geprägten Landstrich aufgeschlagen: Das Gutshaus ist zum Restaurant geworden und bietet auf einer übersichtlichen Karte ambitioniert klingende Gerichte an: Lammleber mit Apfel-Zwiebelconfit und Salat zum Beispiel oder Filet vom Angusrind mit Rotweinschalotten. Aber es gibt auch Bodenständiges wie eine sorbische Hochzeitssuppe und ein sorbisches Hochzeitsessen – andernorts heißt das hier Servierte Tafelspitz mit Meerrettichsauce. Und zum Abschluss locken selbst gemachte Sorbets...

Das Ambiente des Restaurants ist – wie soll ich sagen? Vielleicht so ein bisschen Himmel und Hölle. Der Himmel: Ein schönes altes Gewölbe – der Gutshof hat Geschichte und kann Geschichten erzählen. Die Hölle: Die Möchtegern-Landhaus-Stil-Einrichtung. Dieses Mobiliar strahlt einen unendlichen Nachwende-Charme aus. Geschichten erzählen werden die nie können! Die Sammlung käuflich zu erwerbende Präsentkörbe, eine Tibet-Fahne, eine überdimensionale Mohnblume, tatsächlich lagernde und nur zur Schau ausgestellte Weine komplettieren das Still-Leben.

Die Weinkarte ist unvermutet groß. Als wir uns unschlüssig waren, brachte die Chefin die Flaschen und stellte sie uns auf den Tisch – was die Entscheidung nicht wirklich leichter machte. Aber der Spanier war dann ganz in Ordnung... Bei den Weißweinen schreibt man übrigens den Riesling beharrlich mit ß - wobei doch "Rießling" vor hundert Jahren vielleicht gerade noch richtig war.

Das Essen wurde flott serviert, vielleicht zu flott. Die Suppe: Lecker, kräftig – aber mit zu weichem Gemüse. Die Leber: Definitiv tot gegart – schade. Der Salat darunter hingegen fein abgeschmeckt, die Äpfel mit den Zwiebeln angenehm. Das Steak: Auf einer Seite viel zu lang gebraten und auf der anderen nur ganz kurz, daher nur auf einer Seite wirklich medium (wie gewünscht). Mit Niedergarmethode wäre das nicht passiert! Gut hingegen die dazu gelieferten Kräuter-Kartoffeln. Der Tafelspitz: Auch zu trocken, aber dank reichlicher Meerrettich-Sauce gut zu ditschen. Das Dessert (Brombeersorbet) war ein sehr versöhnlich zart schmelzender Traum... Allen Gerichten außer dem Dessert gemein war ein Überwurf dekorativ verstreuter Petersilie, um den Tellerrand geschmackvoll zu gestalten. Zu den Hauptgängen gehörten zwingend Cocktailtomaten.

Übrigens: Auf der Rechnung stand der versehentlich zu viel eingeschenkte Grappa als doppelter drauf. Das hatten wir nicht bestellt und fanden es nun nicht mal mehr lustig.

Gutshof Puschwitz
Am Puschwitzer Park 4
02699 Puschwitz

Telefon/Fax: +49 35933 30336
Internet (veraltet, Seiten mit Stand 21.1.2007): www.gutshof-puschwitz.de

geöffnet
Dienstag bis Sonntag
11:00 Uhr bis 14:00 Uhr
17:00 Uhr bis 22:00 Uhr

[Eine kürzere Version dieses Beitrags erschien am 22. Oktober 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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October 6, 2009

Weltweiter Stammtisch

Das Internet, wir wissen es, ist eine Brutstätte des Bösen. Vor dem Internet gab es ja keine Kriege und auch keine Mörder, und deswegen musste man die Menschheit ja auch nicht vor Helden wie Hitler schützen.

Oder ist das alles ganz anders? Könnte es etwa sein, dass es eine Menge Menschen gibt, die das Internet als eine ziemlich geniale Möglichkeit nutzen, Neues kennen zu lernen, den eigenen Horizoint zu erweitern, sich miteinander zu vernetzen - über die engen Grenzen von Kleinkleckershausen hinweg? Könnte es sein, dass dieses Medium, das nur noch Ahnungslose "neu" nennen, mehr für die Demokratisierung leistet als alle demokratischen Politiker(innen) zusammen, dass wir hier eine Technik haben, die vielleicht Musikverlagen nicht gefällt - aber Musikern? Willkommen im Land der Kreativen, der (Quer-)Denker, der Aktiven, der Aufgeschlossenen (und das alles schließt, obwohl nur in der männlichen Form geschrieben, selbstredend auch und gerade die Frauen ein).

Unsereins, der sich gerne und oft auch virtuell herumtreibt, stößt ja häufig auf Unverständnis. Aber das ist ja nichts wirklich Bemerkenswertes bei Dingen, die anderen (noch) fremd sind: Als Berta Benz am 5. August 1888 zur ersten Fernfahrt mit einem Auto startete (ohne Wissen ihres Mannes übrigens), sprangen die Menschen längs ihrer Route entsetzt zur Seite und bekreuzigten sich - heilig's Blechle. Eine Kutsche ohne Pferde - das kann doch nicht gut gehen!

Wenn wir heute, zum Beispiel, twittern, dann ist das eigentlich nicht anders. Zwar bekeuzigt sich kaum einer, aber einen Vogel gezeigt bekommt man heute schon noch von vielen - was ja sehr angemessen ist, denn to twitter ist englisch und heißt zwitschern. Aber so wie das Auto eine Kutsche ohne Pferd ist, so ist Twitter vielleicht ein weltweiter Stammtisch: Hier kommen Menschen zusammen, um miteinander zu klönen, zu debattieren, um Geschäfte zu machen. Nicht alles ist sinnvoll - aber zeige mir einer eine Eckkneipe, in der es nur hochphilosophisch zugeht.

Bei Twitter sucht man sich die Leute aus, mit denen man Kontakt haben will, deren Geschreibsel man lesen und goutieren möchte, mit denen man sich austauscht. Manche wohnen in der gleichen Stadt, manche weiter weg. Einer von denen, die ich über Twitter kennen gelernt habe, ist Metzgermeister und wohnt in Visbek. Auch wenn die Leute aus Visbek das nicht gerne hören werden: Man muss die Gemeinde nicht kennen - sie liegt 50 Kilometer südwestlich von Bremen. Aber dennoch fuhren Sylke und ich jetzt dorthin - um eben jenen Metzgermeister kennen zu lernen, der recht netzaktiv ist - mit eigenem Blog "Essen kommen!" und der famosen Shop-Adresse World Wide Wurst.

Ludger Freese
Ludger Freese
Es war Sonntagnachmittag, als wir von Bremen kommend Zeit für eine STIPvisite beim @lusches hatten - und natürlich twittert man sich zusammen. Was ich mit ein wenig vorbereitendem Lesen im internet (!) hätte wissen können - aber nicht ahnte - erfuhr ich bei der Ankunft: "Herzlich willkommen! Kommt rein! Wir feiern gerade einen Geburtstag - meinen!" Die Belegschaft hatte den Chef zum Kaffee überfallen - pardon: überrascht, und dann auch noch wir, die beiden Unwiesen aus dem Osten! Aber egal: Bei Nusskuchen, Kaffee und reichlich Spaß fühlten wir uns wie bei alten Bekannten.

Bei einer Betriebsführung lernten wir dann die Visbeker Zentrale der World Wide Wurst kennen - freuten uns, im Laden die Saftboxen von Kirsten Walther aus Arnsdorf bei Dresden zu entdecken, begeisterten uns am Eisenhandschuh, der das Abgleiten der rattenscharfen Metzgermesser zum teuflischen Vergnügen macht, weil nichts passiert, waren tief beeindruckt vom Kalb, das da hälftig in der Kühlung abhing.

Keep cool
Keep cool
Lustig fand ich, dass das Kalb aus meiner Heimat Ostfriesland stammt und dort hinterm Deich auf den Salzwiesen futterte - mit dem fremdbestimmten Ziel, nun demnächst von einem Ostfriesen in Dresden nach sanfter Garung auf den Tisch des Hauses gebracht zu werden (Bericht folgt später!). Und dass ein Metzger den weiten Weg von Visbek bei Bremen bis nach Norddeich hinter Leer fährt, nur um gutes Fleisch zu haben, erregt ein schönes Gefühl der Hochachtung: Da nimmt einer seinen Beruf noch ernst und tut dem Kunden Gutes.

Der Besuch im wirklichen Leben, das stellten wir auf dem langen Weg nach Dresden fest, ist die Krönung der virtuellen Kommunikation. Aber ohne die wäre das alles (und noch viel mehr...) gar nicht möglich.

Gefahrenquelle Internet?

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October 5, 2009

Geschichten aus Sardinien (16)

Bosa (2)

Bosa
Bosa
Passegiata heißt das Ritual des Extremherumschlenderns am frühen Abend, dem in Italien wahrscheinlich alles, was laufen kann, frönt. Den abendlichen Bummel erlebten wir in Bosa in halbherziger Ausführung, denn der Corso Vittorio Emanuele II wurde von der polizia nur sehr halbherzig für den Autoverkehr gesperrt. Aber die Leute von Bosa haben ja neben der kopfsteingepflasterten Einkaufsstraße noch die eine oder andere Piazza, bei denen es eh keine Autos gibt, sondern ausreichend Platz für Kinder, Köter, Quasselclubs.

Fassade
Fassade
Beim abendlichen Bummel ist die ganze Stadt das Wohnzimmer für die Leute - oder vielleicht doch besser die Kneipe, in der man sich trifft. Das zwanglose Miteinander schafft immer wieder eine nette Atmosphäre, die untergehende Sonne steuert das Ihre bei, diese Stunden des Tages zu ganz besonderen zu machen. Der Corso Vittorio Emanuele II bekommt eigentlich immer wenig Sonne ab, was in heißen Regionen ja durchaus erwünscht ist. Während unseres Aufenthalts signalisierte die gerade in die Straße scheinende Sonne den Beginn der Passegiata - ein nettes Arrangement!

Bank
Bank
Wir beginnen unseren Bummel am östlichen Ende des Corso - aus dem ergreifenden Grund, dass dort unsere Ferienwohnung liegt. Auch wenn sie das nicht täte, wäre das ein guter Start, weil es hier Parkplätze gibt und man sich die Stadt nett erläuft. Der untergehenden Sonne entgegen mühen wir uns über fettes Kopfsteinpflaster oder nutzen die für stoßdämpferarme Kutschen gedachten breiten Steinplatten, die heute noch Autofahrern mit richtiger Spurweite ihrer Kutschen Freude bereiten.

Kathedrale
Kathedrale
Erste Station links ist die Kathedrale. Läuft man von außen vorbei, ist sie unscheinbar, geht man rein, ist sie wunderbar. Also: Reingehen! 1809 wurde die Cattedrale dell'Immacolata Concezione geweiht - an einem Platz, auf dem seit dem 12. Jahrhundert Gotteshäuser standen. Das Kirchenschiff bietet viel Platz nach oben - und der Blick eben dahin wird belohnt mit einem sehr faszinierenden Anblick. Von außen - hätte man so ein großes Gewölbe mit feiner Struktur und Gemälden nicht erwartet. Tage später, bei einer Wanderung zur Burg hinauf, werden wir die Kathedrale erstmals aus der Vogelperspektive erfassen - mit zwei Kuppeln und einem gedrungen wirkenden roten Sandstein-Turm bietet sie aus dieser Perspektive ein eher ungeordnetes Durcheinander.

Hinter der Tür
Hinter der Tür
Zurück zum Corso, der wahrlich nicht breit ist. Die Häuser zur Linken wie zur Rechten sind imposant, viele haben kleine Balkons mit schmiedeeisernen Gittern. Das Bild trägt nicht unwesentlich zum mächtigen Eindruck bei, den Bosa hinterlässt. Herrschaftliche Häuser waren das offensichtlich alle einmal - einige sind es wieder, andere werden gerade renoviert, wieder andere warten offensichtlich noch darauf, von einem Investor wach geküsst zu werden. Wenn eine Tür offen steht, lohnt es sich, den Kopf einmal da rein zu stecken: Aufwendige Deckenbemalung! Prächtige Aufgänge im lichten Innenhof! Hier muss man mal sehr sehr reich gewesen sein, um so zu bauen.

Die Geschäfte in den Häusern sind von der kleinen netten Art, wie man sie bei uns kaum noch antrifft: Fisch, Gemüse, Fleisch und Wurst - ein Mann, seine Frau, das war's. Das Einkaufen hier macht Spaß, weil man - auch ohne allzu große Sprachkenntnisse! - wunderbar kommunizieren kann. Und weil dort beim Bezahlen auch schon mal abgerundet wird zum Wohle des Kunden. Einmal, als wir mit einem 50-Euro-Schein den Fisch bezahlen wollten und die Verkäuferin das nicht wechseln konnte, fragte sie nach unserem Kleingeld. Wir kippten aus, was wir mit hatten - sie zählte nach und meinte: Zwar zu wenig, aber OK! So etwas ist mir in Dresden noch nie passiert!

Ristorante Borgo San Ignazio
Ristorante Borgo San Ignazio
Die Restaurant-Situation in Bosa ist im Mai eher mager. Es gibt entlang des Corso das eine oder andere Lokal, aber manche Karte las sich arg touristisch (vornehm für: Schlechtes muss nicht preiswert sein!). Wir folgten eher intuitiv beharrlich einem Schild, das von vielen Punkten des Zentrums weg wies - und wurden nicht enttäuscht: Im Ristorante Borgo San Ignazio wird halbwegs authentische sardische Küche gepflegt. Billig ist es nicht, zu teuer auch nicht - es hat geschmeckt, die Bedienung war nett - und übers Ambiente im kuscheligen Gewölbe mit den hellen Lampen gibt es nichts zu sagen außer: so ist das in Italien - passt schon [Via S. Ignazio 33, 08013 Bosa, Tel. 0785374129]!



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September 27, 2009

Geschichten aus Sardinien (15)

Bosa

Kreuzfahrer auf demTemo
Kreuzfahrer auf demTemo
Bosa ist eine nette Kleinstadt mit etwa 8.000 Einwohnern im nördlichen Westen der Insel. Bosa liegt nicht direkt am Meer, denn die Stadt gönnt sich den Luxus eines Flusses - des einzig schiffbaren Flusses der Insel, wie man überall lesen kann. Der Temo bietet sich nachgeradezu für Kreuzfahrten an! Wenn wir auf dem Balkon unserer Ferienwohnung mit Blick auf den Fluss sitzen, hört man das Gejohle der Schulklassen und teilt die Freude der sardischen Kinder am Erlebnis einer Flussfahrt. Ach, ich vergaß zu erwähnen: Der Temo ist ungefähr zehn Kilometer weit ins Landesinnere schiffbar, aber nur die letzten fünf können genutzt werden: eine eingefallene Römerbrücke verhindert weiteres Flussaufkommen. Die Bootstour, die zum Jubeln führt, beginnt am Hafen von Bosa, der etwa zwei Kilometer von der Mündung entfernt ist. Ein kurzes Vergnügen!

Gerberhäuser
Gerberhäuser
Der Temo hat dennoch großen Einfluss (in dem Wort steckt der Fluss ja schon drin!) auf die Stadt, die sich hauptsächlich am rechten Ufer ausdehnt. Gegenüber steht eine Reihe von Gerberhäusern, die halb dem Verfall preisgegeben ist und halb renoviert. Die Gerberei ist ein harter Job, und wohlriechend ist das Gewerbe auch nicht - weswegen Gerber immer gerne "am anderen Ufer" zu arbeiten hatten (das war in London oder Görlitz so, das war in Bosa so). 1834 hat es noch 28 Gerbereien in Bosa gegeben - 1960 schloss die letzte, die von Sanna Mocci. Warum allerdings heute die Anfang des 19. Jahrhunderts gebauten schnuckeligen Gerberhäuser von "Sas Conzas" direkt am Fluss vor sich hin verfallen und (O-Ton Barbara Branscheid im Baedecker Sardinien) allenfalls "morbiden Charme" ausstrahlen, ist mir ein Rätsel: Allerbeste Lage mit Blick auf die Altstadt!

Boot
Boot
Vor allem in den Spätnachmittagsstunden (zumindest im Mai...) leuchtet ein ganz bezauberndes Licht auf Bosa. Wir stehen an den Gerberhäusern, denn das erste in der Reihe beherbergt einen dieser tollen Supermärkte, in denen man noch richtig bedient wird an den Theken für Brot, Aufschnitt, Käse, Fleisch, Fisch und Gemüse. Der Fluss ist relativ breit und fließt gemächlich und ruhig dem Meer entgegen. Am gegenüberliegenden Ufer dümpeln kleine Boote vor sich hin. Das Kreuzfahrschiff ist dabei, einigen Fischkutterchen, manchmal auch deutlich nicht mehr fluss- oder gar seetüchtige Seelenverkäufer.

Palmenpromenade
Palmenpromenade
Die Uferpromenade ist von Palmen gesäumt, was nicht nur gut aussieht, sondern nachgeradezu zum Flanieren einlädt. Allerdings sorgt direkt neben der Palmenpromenade eine viel befahrene Straße für Lärm und Gestank, was vielleicht auch die weitgehende Abwesenheit von Straßencafés hier erklärt. Die einzige Gelegenheit einiger freier Tische vor dem Ristorantino Enoteca Verde Fiume wurde uns vermiest, weil der Kellner uns mit einem schnöseligen "Wir sind ein Restaurant!" klar machte, dass wir uns keinesfalls nur auf einen Wein dort niederlassen könnten. Sein Pech: Wer uns so anmacht (obwohl alles leer war!), kann mit uns auch nicht als Abendessensgast rechnen.

Ponte Vecchia
Ponte Vecchia
Wir stehen immer noch bei den alten Gerberei-Häusern und sehen nun ein wenig nach rechts. Dort überquert eine steinerne Bogenbrücke den Temo. Die Ponte Vecchio ist alt und schmal, so dass der Verkehr immer nur einspurig hin- oder herüber gelassen wird. Sie führt direkt auf die Kathedrale von Bosa zu, deren eigentliche Größe man am besten von weit weg erlebt - oder von innen, denn die Kathedrale dell'Immacolata fügt sich in das enge Bosa mit seinen schmalen Gassen ein. Hochgucken lohnt, wenn man drinnen ist, denn das prächtige Deckengemälde und die sehenswerte Orgelempore gehören zu den Besonderheiten des weitgehend barocken Baus.

Hinter Fluss-Palmenpromenade-Straße beginnt die Altstadt von Bosa, und die ist nun wirklich durchlaufenswert...

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September 25, 2009

Geschichten aus Sardinien (14)

Keine Banditen in Orgosolo

Kulturlandschaft
Kulturlandschaft
Das Schönste an Oliena ist die Landschaft nach der Ortsausfahrt. Leicht hügelig, Weinstöcke, Olivenhaine, kaum Autos unterwegs auf hervorragenden Straßen - so macht das Reisen Spaß. Das Ziel ist Orgosolo, die Banditenstadt. Es gibt da eine ganz bezaubernd-gruselige Mär und einen Film von Vittorio de Seta, Banditi a Orgosolo. Berühmt ist Orgosolo aber für seine Wandmalereien, die Murales. Aber fast mehr noch als die Wandmalereien interessierte uns, ob es dort etwas zu essen geben könnte, nach dem Restaurantdesaster in Oliena.

Bandit am Straßenrand
Bandit am Straßenrand
Kurz vor dem Ort geht das mit den Furcht erregenden Darstellungen schon los. Unser Wanderfohrer hatte uns in seinem Rundumwissenkompendium (Eberhard Fohrer, Sardinien, S. 618) wissen lassen: "Die meisten neugierigen Touristen fahren .. mit gemischten Gefühlen in das Bergdorf. Einen gewissen Druck in der Magengegend werden die wenigsten los", wegen der Banditen und so. Unsere Gefühle waren nicht gemischt, und der einzige Druck in der Magengegend kam vom Hungergefühl - aber als da drei Kurven vor dem Ort plötzlich ein feister grimmig dreinschauender blauäugiger Bandit uns mitten in einer Kehrtwende auflauert, wird's uns plötzlich doch sehr komisch im Bauch. Tapfer ergreifen wir nicht die Flucht, sondern halten an: Ich bremse auch für Banditen! Zumal wenn sie aus Stein und lustig angemalt sind sowie hinter der Leitplanke im Gras liegen.

Supramonte
Supramonte
Wir schossen aus beiden Kameras und machten uns danach von hinnen, Orgosolo zu besichtigen. Das Dorf machte beim ersten Durchfahren einen unspektakulären Eindruck auf uns - und wir waren schnell wieder draußen, allerdings an einem netten Aussichtsplatz, der eigens für durchrauschende Touristen angelegt zu sein scheint. Von hier aus hat man eine wunderbare Fernsicht ins Supramonte-Massiv - so lange man wirklich in die Ferne sieht. Ein Blick nach unten offenbart ein riesiges Loch, in dem kleine Laster herumkutschieren (also in Wirklichkeit sind sie natürlich groß, aber sie sehen von hier oben klein aus, das kennt man ja). Und noch näher dran erinnert eine rammelige Hütte mit einem vor sich hin rostenden Auto an Oliena.

Zurück im Dorf (Orgosolo hat so um die viereinhalbtausend Einwohner), in dem sich die Einheimischen am Marktplatz gegenüber der Kirche friedlich um einen Broilerwagen versammeln, um dort käuflich ein halbes Hähnchen zu erwerben. Ja bin ich denn in Dresden? Sieben Euro sollte der gegrillte Gockel kosten - wir fanden das sehr unromantisch und beschlossen, erst einmal die Murales zu besichtigen. Es gibt in der Tat viel zu sehen - aber ob das, was da nach 1975 so nach und nach entstand, nun mehr Ausdruck irgendwelcher Proteste sein soll oder nur touristische Anmache? Von der künstlerischen Qualität ganz zu schweigen, aber über Kunst kann man ja immer trefflich streiten.

Banditi a Orgosolo
Banditi a Orgosolo
Irgendwo habe ich gelesen, dass die Wandmalereien quasi ein therapeutisches Abarbeiten räumütiger Banditen seien - aber das glaube ich nicht. Denn die Banditen haben einerseits eine lange Tradition in der Gegend - aber dank so famoser Erfindungen wie der Blutrache hat sich ja auch andernorts schon aus einer bier- oder weinseligen Frozzelei ein generationenlanger messerscharfer Streit zwischen Familien entwickelt. Nicht witzig, aber Realität - und meistens mittlerweile auch überwunden. Vittorio de Setas Film über die Banditen von Orgosolo aus dem Jahr 1961 greift diese Aspekte der Geschichte auf - mit Laiendarstellern und beeindruckenden Bildern.

Murales a Orgosolo
Murales a Orgosolo
Die Murales, die es andernorts auch noch (und nicht mal schlechter, im Gegenteil) gibt, nahmen in Orgosolo 1975 ihren Anfang: Der aus Siena stammende Kunstlehrer Francesco Del Casino initiierte die Aktion - er war Lehrer in Orgosolo und brachte anlässlich der Feiern zur 30jährigen Befreiung vom Faschismus in Italien mit seinen Schülern Politisches auf die Wände. Irgendwannn ging der Künstler heim in die Toskana und die Leute von Orogosolo machten zunehmend folkloristischer weiter. Langfristig ist es eh besser, auf sanften Banditismus zu machen und den Leuten das Geld legal aus der Tasche zu ziehen: Touristen willkommen! Auf Wunsch mit inszeniertem Busüberfall und dem Rest all-inclusive.

Womit wir beim Lieblings-Thema Essen und Trinken wären. In Ermangelung anderer geöffneter Lokalitäten versammelten sich alle Tagestouristen gleich hinterm Broilerwagen, pardon: der mobilen Rosticceria da Tonino in eher rüder Atmosphäre am Caffé Dandana. Die Außenplätze waren fest in deutscher Hand: Ein Motorradclan aus dem Bergischen Land und Köln versorgte alle mit rheinisch-bergischer Frohnaturlaune und den neuesten Geschichten des Beinahe-Unfalls eines Mitfahrers, dann gab es noch ein junges verliebtes und ein altes fotografierendes Paar. Dazwischen wir (nicht mehr jung, noch nicht alt, aber auch verliebt und fotografierend). Zu essen gab es Nudeln aus der Vakuumverpackung, wie man sie im ganzen Land so bekommt. Convenience ist ein sehr schmeichelndes Wort, aber Schlechtes muss nicht billig sein. Dafür waren die beiden Mädels, die den Laden schmissen, sehr aufgeregt, nett und zuvorkommend, wenn auch ein wenig überfordert. Aber immerhin gab es ordentlichen Hauswein vom Fass - wir ließen, weil wir ja nur nippen konnten in der Mittagspause, uns gleich mal eine Literflasche abzapfen und genossen die dann nach unserer Ankunft in Bosa...

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September 24, 2009

Geschichten aus Sardinien (13)

Von Cala Ganone nach Oliena

Der Weg ist das Ziel. Also wählten wir für den ersten Quartierwechsel die Ost-West-Durchquerung der Insel mit Umwegen. Wie immer, wenn der Weg das Ziel ist, gestaltet sich das hin und wieder als eine Art Fahrt ins Blaue, wenn nicht sogar ins Blauäugige.

Der Anfang der Querung kann als bekannt vorausgesetzt werden - man kommt ja nur auf einem halbwegs schnellen Weg fort von Cala Gonone. Ein letztes Mal also fahren wir bergauf, dann durch das immer noch nicht attraktivere Dorgali, gönnen uns einen Blick - nein zwei: einen nach links, einen nach rechts - auf den Lago del Cedrino und biegen dann schwungvoll von der SP38 ab in Richtung Oliena. Der erste Zwischenstopp sollte die Quelle Su Gologone sein, deren Wasser man getrunken haben soll - weswegen wir eigens leere Flaschen mitgenommen hatten.

Su Gologone
Su Gologone
Auf dem Weg zur Quelle Su Gologone legten wir einen Spontanstopp an einem Olivenhain ein, wobei die Auswertung der Fotos später ergab, dass es da zwar schön, aber nicht berauschend war. An der Quelle selbst muss man das etwas differenzierter sehen! Das Gelände ist touristisch voll erschlossen - was eine nette Umschreibung für: Zäune drumherum, Kassenhaus und möglicherweise Tourirummel ist. Und nun die gute Nachricht: Es gab keine Touristen außer uns. Also zahlten wir gerne, nachdem die Kassiererin sich vom Espresso in der Bar nebenan getrennt hatte, unsere zwei Euro Eintritt und liefen die Wege, die an Wochenenden wohl Tausende abtippeln.

Nostra Signora della Pieta
Nostra Signora della Pieta
Schön ist es dennoch! Es gibt: eine kleine Kirche "Nostra Signora della Pieta", die schlicht und doch ganz reizvoll einen Hügel dominiert. Es gibt weiterhin Wege zur Quelle und solche von ihr fort. Einige sind mit Nachrichten verziert, die sinnige Wege-Architekten aus Muschelschalen gestaltet haben ("Benvenuti a Su Gologoine") - was für eine Überraschung! Und dann ist da natürlich diese Quelle, deren klares Wasser aus dem Fels sprudelt und unten wunderbarer Weise traumhaft grün und klar einen See bildet. Schön schön. Da macht es auch nichts, dass die Leute sich hier, wie an so vielen anderen Orten mit Wasser auf dieser Erde, sich ihres Kleingelds entledigen und glauben, irgendetwas Gutes davon zu haben.

Unterhalb der Quelle staut sich das Wasser zu einem See, und nur etwas weiter ist ein Pumpenhaus zu bewundern. Wenn das geschlossen ist, pumpt die elektrische Pumpe von dort Wasser hoch zu einer Wasserentnahmestelle oben auf dem Parkplatz: Wasser aus Su Gologone! Nun stand aber das Pumpenhaus weit offen, zwei Männer arbeiteten drinnen - und uns schwante Übles. Genau: Weil unten die Pumpe nicht ging, gab's oben kein Quellwasser. Na prima!

Eine Frage der Generationen
Eine Frage der Generationen
Wir also wasserlos nach Oliena. Die machen dort einen hervorragenden Rotwein, aber die Stadt ist befremdlich. Autos brettern wie verrückt durch die Straßen, Häuser verfallen, Bars oder gar Ristorantes gibt es nicht (oder es gibt sie, aber wir haben sie nicht gefunden). Wenig Fußgänger trauen sich auf die Straßen, laufen vorbei an so wunderbaren Etablissements wie der Luxusunterkunft Santa Maria, die mit einem Gitter vor Gästen gesichert ist, passieren Wände mit Wahl-Sudokus und erfreuen uns an hübsch gemalten Sprüchen, die vor knapp 200 Jahren verfasst wurden und vom Fremdenverkehrsverein vor einem Jahr zur Verschönerung der Stadt an allerlei Mauern aufgebracht wurden. Mangels ausreichender Sprachkenntnisse erschloss sich uns die Schönheit der Sprüche nicht vollends, was vielleicht sehr bedauerlich ist, eventuell aber auch eine Wohltat. Wer weiß?

Wahlvorbereitung
Wahlvorbereitung
Etwas oberhalb der Stadt gibt es einen unschuldig schönen Ausblick auf die Umgebung, die so aus der Ferne ganz nett ausschaut. Rote Dächer, Backsteine hier, geputzte Mauern dort. Hin und wieder Wassertanks auf den Dächern, und sogar die eine oder andere Solarzelle. Je weiter die Blicke schweifen, desto harmonischer wirkt Oliena. Doch dann sehe ich runter in den Garten direkt vor uns. Dort rosten zwei Autos still vor sich hin. Oliena bleibt sich treu...

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September 17, 2009

Ein perfektes Team

Erfreuliche Erlebnisse mit Service und Küche im Winzerhof Golk

Winzerhof Golk
Winzerhof Golk
Dass man als Gast eines Winzerhofs trunken werden kann, ist naheliegend. Dass dieses aber auch ganz ohne Alkohol passiert, keineswegs. Beim Winzerhof Golk ging es uns aber so: Die Blicke von der Terrasse des Hauses in die sanfte rechtselbische Hügellandschaft Richtung Zadel machten schon vor der Bestellung besoffen. Wein gab's dennoch: Der Riesling in unserem Glas wuchs rechts vor uns im Golker Herrengarten – kein großer Wein, aber zum Essen sehr angenehm!

Die Karte ist erstaunlich groß für ein derart abgelegenes Gasthaus – aber irgendwie steckt System dahinter, und man entdeckt Überraschungen. Eine Seite nur Sauerbraten – aber eben nicht nur vom Rind, sondern auch vom Lamm, vom Wildschwein und vom Reh. Und eine Seite Essen vom heißen Stein – nicht außergewöhnlich, aber immer wieder sehr kommunikativ. Und zwischendurch Dinge, die man hierzulande eher selten antrifft, wie beispielsweise Merguez (scharfe Würstchen, ursprünglich aus dem Arabischen) und Kalbsnierchen. Geht das denn, in Deutschland, in Sachsen, in einem Winzerhof? Natürlich: Die Betreiber (es sind die gleichen wie im L'ami Fritz in Diesbar) kommen aus dem Elsass, und da gehören derlei Dinge zum guten Küchenton!

Wir entschieden uns für einen Sauerbraten (den vom Lamm) und die Nierchen als Hauptspeise. Vorab sollten eine Käsesuppe sowie ein Ragout Fin vom Kalb den größten Hunger stillen. Das war einerseits eine gute Idee, weil die Käsesuppe würzig war und dem schon arg säurebetonten Wein sehr schmeichelte und weil das Ragout Fin vorzüglichst bewies, wie dieses so oft als Dosenfutter verkommene Gericht schmecken kann – nämlich fein und pikant sowie kein bisschen nach Dose!

Andererseits war das mit den Vorspeisen eine schlechte Idee – denn die Portionen des Hauptgangs waren dermaßen gut bemessen, dass sie kaum zu schaffen waren. Da aber sowohl das Lamm als auch die Nieren so köstlich waren, mussten wir das Dessert abbestellen: Zum heißen Stein, der die Plinsen liefern sollte, deswegen hier kein Wort (aber was soll man da schon falsch machen?)! Aber natürlich noch Anmerkungen zu den Fleischgängen: Üppig voll waren die Teller – was der Optik schadet, aber nicht dem Geschmack. Der Lammsauerbraten zart und süß-säuerlich, die dazu gereichten Röstis offensichtlich hausgemacht. Und die Kalbsnierchen in Wermutsauce mit den hausgemachten Spätzle erkläre ich zum Geheimtipp für alle, die Innereien mögen: Perfekt gesäubert und gegart, pikant die Sauce. Ein Gericht ganz ohne Wermutstropfen!

Den Service (ein Mädel, ein Mann) kann man gar nicht genug loben: Zuvorkommend, freundlich, kommunikativ, locker, immer da. Als es dunkel wurde, brachten sie Kerzen. Als es kälter wurde, Decken. Als der Koch sah, dass es immer noch ein wenig duster am Nebentisch war, brachte er Extra-Licht. Und als wir zahlen wollten, gab es Trester vom Gewürztraminer aus dem Elsass. Ein perfektes Team!

Winzerhof Golk

Zum Forsthaus 7
01665 Diera-Zehren

Tel.: 03 521 - 73 88 35
Fax: 03 521 - 71 91 52

geöffnet
Montag-Freitag ab 17.00 Uhr
Sa/So/Feiertags ab 11.00 Uhr

[Beitrag zuerst erschienen am 17. September 2009 in PluSZ, Beilage zur Sächsischen Zeitung]

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September 14, 2009

Weinwanderung von Meißen nach Sörnewitz (2)

Die Bosel entlang und manierlich herunter

Gästehaus Boselspitze
Gästehaus Boselspitze
Von der Juchhöh geht es noch ein wenig landschaftlich schön bergan Richtung Boselspitze. Wein- und Obstbau bestimmen das Bild - und einem Hinweisschild entnehme ich, dass die TU Dresen hier oben sogar einen Botanischen Garten betreibt. Auf dem Weg dahin entdecken wir ein Überbleibsel aus alten Zeiten: Das Gästehaus Boselspitze strahlt den Charme eines FDGB-Ferienheims aus, wir ließen es links liegen. Tatsächlich tobten hier hier seit 1962 im Ferienlager der VEB Braunkohleveredelung Lauchhammer bis zu 300 Kinder gleichzeitig herum. Seit 2002 ist das Gästehaus ein Familienbetrieb - vielleicht ja sogar ein guter mit freundlicher Bedienung. Aber irgendwie wirkt das Ensemble nicht einladend.

Winzerhäuschen Schwalbennest
Winzerhäuschen Schwalbennest
Etwas weiter sah es schon netter aus: Das Winzerhäuschen Schwalbennest im Weinberg der Weinkönigin sieht man auch von unten auf dem Weg nach (oder von) Meißen. Leider hatte die Weinkönigin gerade eine Schwalbe gemacht - wir hätten doch so gerne dort mit ihr ein Gläschen getrunken!

Apropos hätten: Den 200 Meter langen Wall hätten wir ohne Hinweisschild natürlich wieder nicht aussgemacht, aber so wissen wir nun, dass 1000 Jahre "vuZ" (vor unserer Zeit) bzw. "vZw" (vor der Zeitenwende) hier eine bronzezeitliche Siedlung Leben auf den Berg brachte. Über dieses "vuZ" kann ich nur immer wieder nur den Kopf schütteln - vor Christi Geburt (vChr) war für den offiziellen DDR-Sprachgebrauch einfach nicht denkbar. Nur gut, dass sie den Zeitpunkt nicht auch noch versetzt und den Nullpunkt auf Marxens Geburt oder die Oktoberrevolution gelegt haben...

Elbe Richtung Dresden
Elbe Richtung Dresden
Wir sind nun oben an der Boselspitze, und wie so oft: Dass das so ein imposant abbrechender Berg ist, merkt man hier oben gar nicht. Man kann - entsprechendes Wetter und korrekten Sonnenstand vorausgesetzt - weit sehen, das hat auch was. Aber um die Bosel einmal so richtig genießen zu können, muss man schon vom anderen Elbufer oder wenigstens vom Schiff aus gucken.

Auf der Boselspitzen gibt es die schon angekündigte Abteilung des Botanischen Gartens der TU Dresden, die im vergangenen Jahr recht leise ihr 100jähriges Bestehen feiern konnte: Im Dezember 1908 hatte der Landesverein Sächsischer Heimatschutz das Flurstück auf der Bosel gekauft - auf Empfehlung eines Prof. Drude, der sich mit den wärmeliebenden Pflanzengesellschaften Sachsens beschäftigte. Die TU Dresden übernahm 1948 den Boselgarten, der heute auf etwa 2.500 Quadratmetern 850 kultivierte Arten eine Heimat bietet - von denen 200 auf der Roten Liste Sachsens bedrohter Pflanzenarten stehen.

Weinfass
Weinfass
Im September ist der Garten natürlich nicht so spektakulär wie im Mai oder Juni, wenn hier alles blüht - wir müssen also nochmal wieder kommen und gehen vorerst weiter Richtung Sörnewitz an der Elbe. Anders als die schwangeren Jungfrauen wählen wir nicht den direkten Weg, sondern den durch den Wald. Unten angekommen begrüßen uns zwei Strohpuppen und laden zum Besuch der Besenwirtschaft Zum Winzerschoppen ein. Sie liegt - weiter oben! Wir also parallel zum gerade herunter gewanderten letzten Wegstück wieder hoch, aber nicht weit. Die Besenwirtschaft auf halber Höhe inmitten des Weinbergs hat von April bis November je nach Wetter- und Bedarfslage täglich außer montags ab zehn Uhr geöffnet - mit einer auf der Karte zu lesenden Einschränkung: Wenn der Winzer "unaufschiebbare Termine" hat, kann schon mal geschlossen sein...

Klingt gut und locker - und so ist es dann da oben auch. Der Winzer gibt bereitwillig Auskunft, will sich allerdings nicht wirklich festlegen: Als wir ihn fragten, was ER denn nun trinken würde, eierte er ein wenig herum. Nun denn, dann mussten wir eben selbst (für Müller-Thurgau, Kerner und Traminer) entscheiden ;-) Im Angebot sind Weine der Winzergenossenschaft - im Müller Thurgau seien auch Tropfen seiner Trauben drin. Das hat uns nun fast jeder der von uns im Laufe der Jahre angesteuerten Besenwirtschaftswinzer gesagt, und wenn ich das Prinzip richtig verstehe, ist es kein Wunder, dass ausgerechnet hier in Meißen 1796 der Herr Samuel Hahnemann die Homöopathie erfunden hat...

Ausgetrunken
Ausgetrunken
Sörnewitz ist tödlich für Weinwanderer - zu viele Winzer. Den Herrn Schabehorn haben wir uns aufgehoben, obwohl das Weingut am Fuße der Bosel durchaus einladend war. Bei ihm werden wir also demnächst die Fortsetzung der Weinwanderung beginnen... Unser Ziel liegt etwas mehr im Dorfinnern: Das Weinhaus Schuh ist wohl die beste Adresse in Sörnewitz. 1990 neu gegründet, Reben nur in Steillagen - wobei es beim Schuh auch Rotwein gibt: 43 Prozent der 4,5 ha sind mit Rotweinreben bepflanzt. Früh schon hat das Weinhaus Schuh auf Kundenkontakt gesetzt: Zum Weingut gehören eine Vinothek und ein Weincafé, und wer in Sörnewitz hängen bleibt: Gästezimmer gibt's auch...

[Die Karte zur Wanderung]

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September 13, 2009

Weinwanderung von Meißen nach Sörnewitz (1)

Beherzt auf die Bosel...

Die Boselspitze
Die Boselspitze
Die Bosel ist ein imposanter Berg - man sieht ihn auf dem Weg nach Meißen aus dem Auto oder vom Schiff und möchte eigentlich immer mal gerne da oben rauf. Bei dem Wunsch bleibt es, meistens: Viele Dresdner(innen) kennen die Bosel - wenn auch nicht unbedingt mit Namen, aber doch wenigstens vom Ansehen her. Aber da oben nuff? Or nöö...

Früher war das anders. Da war die Boselspitze ein beliebtes Ziel für schwangere Jungfrauen - das waren Frauen, die nicht verheiratet aber dennoch schwanger waren. In ihrer Not - und die war so ein Umstand vor hundert Jahren noch! - stürzten sie sich in den Tod: Gerne von der Boselspitze, weil es von da so schön gerade runterging. Wer ob solcher Geschichten den Kopf schüttelt, kann sich erstens daran erfreuen, dass es im Umgang miteinander mittlerweile etwas weniger befremdlich zugeht - und sich zweitens darüber wundern, dass es auch heute noch offensichtlich genug Selbstmordkandidaten gibt, wenn auch aus unterschiedlichsten Gründen: Eine eigene Webseite widmet sich dem Thema, und wer die Seite aus dem Cache bei Google aufruft, sieht auch die Worte Boselspitze und Selbstmord...

Die Elbe bei Meißen
Die Elbe bei Meißen
Die Geschichten rund um diese optisch imposante Bergspitze sind also alles andere als einladend. Der Weg hinauf und ganz normal per pedes wieder herunter lohnt sich aber dennoch - weil dieser Abschnitt des Sächsischen Weinwanderwegs abwechslungsreich und schön ist. Obendrein werden weinaffine Wanderer belohnt: Gaststätten, Besenwirtschaften, Winzer liegen quasi am Wegesrand!

Wir beginnen da, wo wir Teil eins der Wanderung beendeten: in Meißen. Direkt an der Elbe gibt es (am rechten Ufer - unweit des Bahnhofs) einen Parkplatz, der - dass es so etwas noch gibt! - sogar kostenlos zu benutzen ist. Wer mit der S-Bahn kommt: Diese Stelle ist drei bis vier Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt.

Meißen
Meißen
Von hier aus hat man über den Fluss eine wunderbare Sicht auf den Burgberg mit Dom und Albrechtsburg. Schiffe sieht man freilich eher selten - die Elbe ist nicht der Rhein, viel ist hier nicht los. Wobei diese Bemerkung wirklich nur fürs Wasser gilt: Der Weg, der uns ins Spaar-Gebirge führt, ist anfangs ein wenig unschön: Man teilt ihn sich mit den Radfahrern. Und die sind vor allem am Wochenende erstens in Massen und zweitens immer viel zu schnell unterwegs. In der Hackordnung stehen Fußgänger eindeutig weiter unten und müssen schon mal beherzt zur Seite huppen. Unter der Woche allerdings hat man weitgehend seine Ruhe. Nach einigen hundert Metern trennen sich eh die Wege: Weinwanderer ab in die Berge, Radler weiter die Elbe entlang!

Müller-Thurgau
Müller-Thurgau
Wir also in die Berge! Es gibt eine erste Anlaufstelle, das Bauernhäusl. Wir wurden mit einem beherzt-freundlich-abweisenden "Was haben Sie denn noch vor?" begrüßt - und wenn der Mann nicht so nett geguckt hätte, hätten wir den Kaffee schon wieder vor dem ersten Schluck Wein aufgehabt. Aber unserer Bitte, um 14 Uhr doch nur ein Schlückchen Wein vom Fass haben zu wollen, kam er nach: Ein Müller Thurgau war's, von der Winzergenossenschaft. Deren Weine leiden ein wenig (ein wenig?) darunter, dass unter den 1.800 Mitgliedern eben auch Hobbywinzer sind, die ihre Trauben dort abliefern - und ob da alles immer allerbeste Qualität ist, kann man gerne anzweifeln. Andererseits würde es ohne die Hobbywinzer, die zu Zeiten der DDR die Weinberge pflegten so gut sie eben konnten, in dieser Gegend vielleicht gar keinen Wein oder auf jeden Fall weniger davon geben. Unser Müller war spritzig, der Preis OK, der Mann dann doch nicht so raubeinig wie er klang. Alles wird gut!

Sonnenblumen im Weinberg
Sonnenblumen im Weinberg
Unterhalb des Bauernhäusls führt der Weinwanderweg am Kronenberg an Reben der Winzergenossenschaft vorbei. Vier fleißige Männer zogen gerade eine Trockenmauer hoch - das typische Landschaftsbild bleibt so erhalten, die wärmespeichernde Funktion der Steine kommt dem Wein zugute. Um die Ecke herum taucht dann - immer noch in der gleichen Weinbergslage Meißner Kapitelberg - der Untere Domprobstberg auf. Ein sehr gepflegter Weinberg. Oben tuckert ein Winzer mit seinem Minitrecker zwischen den Reben her und spritzt, ansonsten ist es ruhig hier.

Hölzerne Weinpresse
Hölzerne Weinpresse
Unten steht unter einem Holzdach die älteste und größte Holzpresse Sachsens: Gebaut zwischen 1750 und 1800, 1989 von Hobbywinzern vorm Wegwerfen gerettet, zehn Jahre später gundlegend saniert - heute eine Sehenswürdigkeit. An der Presse informiert ein Schild und nennt nette Zahlen: "1889 wurden unter anderem gekeltert zehneinhalb Eimer weißer Wein und vierundzwanzigeinhalb Eimer roter Wein (ein Eimer entsprach nach alter sächsischer Rechnung 67 Liter)." Mehr als doppelt so viel Rotwein als Weißwein!

Waldwanderweg
Waldwanderweg
Weiter geht's ein Stück durch schattigen und wohl riechenden Wald. Der Weg ist steinig wie man das von Römerstraßen kennt (also nur die Älteren werden sich erinnern...). Aber egal, denn das Ziel ist die Juchhöh. Hatte ein Aussichtspunkt je einen schöneren Namen? Wohl kaum. Und auch nur wenige Stellen geben schönere Blicke frei. Kein Wunder: Die Juchhöh ist mit 192 Metern über NormalNull der höchste Punkt des Spaargebirges - die Boselspitze liegt zehn Meter tiefer. Das Spaargebirge, durch das wir nun schon ein geraume Zeit wandern, ist das kleinste in Sachsen: drei Kilometer lang, 200 Meter breit. Niedlich!

Juchhöh
Juchhöh
Natürlich wächst hier auf dem Kapitelberg auch Wein - und nicht nur irgendeiner. Der Kapitelberg gilt als eine der besten Lagen in Sachsen. Es ist eine veritable Steillage, und wer hier Wein macht, ist ein glücklicher Mensch - denn der schmeckt! Von oben hat man einen schönen Blick über die Reben hinunter auf die Elbe - und mit ein wenig Glück tuckert sogar ein Dampfschiff dort lang: Romantik pur!

[Die Karte zur Wanderung]

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September 7, 2009

Wenn der Koch überarbeitet ist...

Das Restaurant Brüders wird in Görlitz als Geheimtipp gehandelt

Brüders
Brüders
Görlitz ist nicht nur die östlichste Stadt Deutschlands, sie ist auch eine im touristischen Aufschwung. Als Folge davon haben auch Restaurants eine Chance, die allein von und mit den Einheimischen nicht leben könnten. Die Frage ist nur, ob sie diese Chance nutzen...

„Brüders“ heißt das Restaurant, das es seit September 2008 in der Brüderstraße gibt – allerbeste Lage mit Blick auf Ober- wie Untermarkt also. Uns wurde es von Görlitzern als „Geheimtipp“ genannt, mit Hinweis auf die köstliche Senf-Champagner-Suppe.

Wir gingen also hin und erlebten die erste positive Überraschung: Es war ein Sonntag, es war halb drei, der Laden leer, die Servicekraft telefonierte, der Koch stand nichts tuend hinter der Theke. „Können wir noch etwas essen?“ - „Ja, natürlich!“ Sprach's und entschwand in die Küche, die Bedienung stellte ihr Telefonat ein und brachte die Karte: Na, geht doch, nix da Servicewüste!

Das Ambiente ist zurückhaltend modern: Im Gewölbe (nichts Besonderes in Görlitz!) machen sich die fein eingedeckten dunkelbraunen Tische und die (bequemen) Korbsessel gut, draußen sitzt man ähnlich stylish, wenn das Wetter mitspielt.

Die Karte ist klein, zwei Seiten (sie war wohl schon mal doppelt so groß, aber ich mag kleine Karten – sie sind ein Indiz, wenn auch kein Garant, für frische Ware). Wir bestellten natürlich die „Feine Champagner-Senfrahmsuppe mit Senfkörnern“. Ob da wirklich Champagner drin war? Spuren vielleicht, aber der Rotisseur-Senf übertönte sie, so dass es eine angenehme, aber keineswegs sensationelle Suppe war. Die zweite Suppe, „Kresseschaum mit Streifen vom geräucherten Lachs“, schmeckte hingegen passabel – gut gewürzt, wenn auch keineswegs schaumig aufgeschlagen, wie der Name vermuten ließ.

Der „Gemüsespieß vom Grill mit grobem Meersalz Knoblauchbrot“ hatte ein deutliches Übergewicht von getrockneten Tomaten, wir vermissten Auberginen und/oder rote Paprika. Aber er war wenigstens das, als was er auf der Karte stand: Ein Gemüsespieß (mit, übrigens, fein gewürztem Dipp). Aber die „Flusskrebsschwänze mit Sommergemüse im Omelett“, die auch draußen an der Tafel als Spezialität für die „Solide internationale Küche“ angepriesen wurden, kamen im gelieferten Gericht gar nicht vor: Statt dessen lugte ein Octopussi aus dem Ei – im Omelett tummelten sich Meeresfrüchte! Natürlich bekamen wir anstandslos eine neue Portion – aber mit zusammen essen war nichts, und beim dann zwar reichlich mit Flusskrebsschwänzen versehenen zweiten Versuch war das Omelett reichlich blass, um nicht zu sagen: es hatte über weite Partien die Pfanne nicht gesehen.

Immerhin ließ der Koch ein „Entschuldigung“ ausrichten – aber als wir später den Chef des Service fragte, wie man denn Flusskrebse mit Meeresfrüchte verwechseln könne, murmelte der nur etwas von „Überarbeitung“ - was keine gute Antwort ist. Auf die Idee, vielleicht den (wirklich sehr guten!) Espresso hinterher aufs Haus gehen zu lassen, kam man auch nicht – Kundenfreundlichkeit hat auch seine Grenzen.

Eine Internetseite hat das Restaurant, natürlich auch – aber sie ist auch ein Jahr nach der Eröffnung mehr Schein als Sein: Nicht mal die Telefonnummer kann man der Seite entnehmen, sie soll, wie andere Inhalte, nachgereicht werden.

Restaurant Brüders
Brüderstraße 1
02826 Görlitz
Telefon: 03581 – 84 55 73
E-Mail: info@restaurant-brueders.de
Internet: www.restaurant-brueders.de



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