Paŭl Peeraerts Published on February 7, 08
by Paŭl Peeraertspro

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Zu viele Menschen willkürlich in U-Haft

Thursday February 7, 2008 at 04:25PM

Ein Drittel der belgischen Gefängnisinsaßen befindet sich nach Angaben der Kammer der flämischen Rechtsanwaltschaften (OVB) in Untersuchungshaft. Sie sind nicht verurteilt und laut Gesetz unschuldig

 

Und nicht nur die Zahl der in U-Haft befindlichen Angeklagten wächst, sondern auch die Zahl derer, die nach Monaten freigesprochen werden. Die OVB bedauert, dass immer mehr Menschen unschuldig ihrer Freiheit beraubt werden und spricht in diesem Zusammenhang von einem Automatismus. Anhand stereotypischer Formeln aus dem Computer würden Menschen eingesperrt, weil „Rückfall“ oder „Fluchtgefahr“ besteht.

Deshalb hat sich die OVB entschlossen, eine Aktion zu starten, die an die zehn Rechte der Gefangenen erinnert. Laut OVB-Präsident Jo Stevens haben die Rechtsanwälte sich dazu gezwungen gesehen und verbreiten in den flämischen Zeitungen folgende Botschaft: „Jeder kann heute willkürlich und zu Unrecht verhaftet werden. Bewahren Sie den Brotbeutel in greifbarer Nähe auf.“ Denn mit den Zeitungen wurden Mitte der Woche Brottüten verteilt, die man sich zum Schutz vor Neugierigen über den Kopf ziehen kann, wenn plötzlich Polizeibeamte vor der Tür stehen und einen festnehmen.

Es gibt keine genauen Zahlen über die jährlich zu Unrecht eingesperrten Belgier. Aber zwischen 2003 und 2005 wurden 579 U-Häftlinge freigesprochen und freigelassen. Laut der Kammer der flämischen Rechtsanwaltschaften ist dies aber nur die Spitze des Eisbergs. Über die Zahl der Inhaftierten, die während der Ermittlungen freigelassen werden, gibt es keinerlei Statistiken. Die Kammer erinnert in diesen Zusammenhang auch noch an einen „ganz perversen Effekt“ der U-Haft. Man verurteile Menschen, damit sie nicht Klage einreichen und Schadenersatz wegen Freiheitsberaubung fordern könnten. Dies nach dem Motto: „Geben wir ihm die drei Monate Gefängnis, die er bereits abgesessen hat und den Rest auf Bewährung.“

Die Kammer der französischsprachigen und deutschsprachigen Rechtsanwaltschaften (OBFG) hat sich mit den flämischen Kollegen solidarisch erklärt, weil sie selbst schon seit Jahren auf diese Missstände hinweist. Die OBFG war schon immer davon überzeugt, dass die Freiheitsberaubung einer nicht verurteilten Person extrem schwerwiegend ist.

 

(Grenz-Echo, 1. Februar 2008)

13 Comments / add your comment?

Frank Merla says:
Ich kann nicht fassen, dass in Mitteleuropa ein Rechtssystem bestehen kann, das so weit von dem enfernt ist, was man sich nach normalem Menschenverstand unter einem Rechtsstaat vorstellt. Justiz scheint nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Politik ein unbeliebter Bereich des Gemeinwesens zu sein. Keiner will - so oder so - damit zu tun haben. Die EU mischt sich in Krümmungsradien von importierten Bananen ein, nicht aber in die Justizpolitik ihrer Mitgliedsstaaten. Also: besser nicht nicht straffällig werden in Belgien, sondern anderswo unschuldig bleiben.
Posted 3 months ago. ( permalink )
Paŭl Peeraerts pro replies:
Stimmt Frank. Ich hätte den Artikel kaum für wahr gehalten, wenn ich nicht selbst so einen Fall ganz persönlich kennen würde ...
Posted 3 months ago. ( permalink )
rollinger says:
Auweia, aber abwarten Deutschland ist nicht mehr weit davon entfernt. Dann stimmt das Gefälle wieder.
Posted 3 months ago. ( permalink )
Frank Merla replies:
Seit 10 Jahren arbeite ich in der Strafjustiz in Hamburg und habe eine Zunahme der Entschädigungsfälle wegen ungerechtfertigter Untersuchungshaft nicht feststellen können. Dass die Zahl zunehmen sollte, dafür vermag ich keine Anzeichen zu erkennen.
Posted 3 months ago. ( permalink )
rollinger says:
Das beruhigt ja ein wenig. Aber wenn ich die Aktionen unseres Innenministeriums in letzter zeit beobachte, da wird mir Angst und bange.
Dieses blog handelt davon wie jemand plötzlich aus Versehen Terrorist wurde und seither kein normales Leben mehr führen kann. Das seine Familie und sein Umfeld mitleidet, klare Sache.
Auch wie tölpelhaft sich die Beschatter anstellen klingt wie eine Komödie.
Mal lesen und staunen.
annalist
Auch solche Geschichten wie das die Dame des Hauses (die das blog schreibt) ins Telefon spricht. "machen SIe die Überwachung aus wir wollen in Ruhe "Tatort" schauen" und erst dann das TV Bild stabil wird, ist fast schon komisch.
Posted 3 months ago. ( permalink )
Don Andre pro replies:
Danke für den Link!
Posted 3 months ago. ( permalink )
Roland Platteau says:
Au milieu de ce triste panorama de la justice belge de ces dernières années, il y a quand-même une bonne nouvelle, il y a quand-même des juges qui ont le courage de na pas capituler devant les pressions politiques:
leclea.be/pdf/Communique7-02-2008.pdf
Tamen foje bona novaĵo, okazas foje kuraĝaj kaj dignaj juĝistoj, kiuj ne konsentas submetigi la rajton al politikaj fipremoj.
Posted 3 months ago. ( permalink )
Kamie pro says:
Ni iedereen verstaat hier duits hoor :P
Posted 3 months ago. ( permalink )
Frank Merla replies:
[de] Der Artikel ist auf Deutsch, also kommentiere ich auf Deutsch. Leider kann ich kein Niederländisch.
[eo] La artikolo estas en la germana, do mi komentas germane. Bedaŭrinde mi ne scipovas la nederlandan.
[en] The article is in german, so I comment it in german. Unfortunately I cannot speak dutch.
Posted 3 months ago. ( permalink )
Paŭl Peeraerts pro replies:
Het artikel komt uit een Duitse krant, en daarom wou ik de Duitstaligen - die nog steeds de grootste taalgroep zijn in ipernity - op de hoogte brengen van het Belgische (on)rechtssysteem. De Esperantoversie van het zelfde persbericht vind je hier. De Nederlandse versie heeft op de webstek van De Morgen en van De Standaard gestaan, maar werd, voor zover ik zie, reeds verwijderd (wellicht omdat bepaalde krachten liever niet hebben dat sommige potjes geopend worden) ...
Posted 3 months ago. ( permalink )
rollinger says:
Pardon, i thought the news are from an german newspaper, so i write in german. Not many people outside the netherlands unterstand netherlands.
Posted 3 months ago. ( permalink )
TideSurfer pro says:
Und wir Europäer erlauben es uns, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen... In jedem Land kann man schreiende Ungerechtgkeiten sehen, wenn man nur will.
Und durch die Hintertür kommt stets noch mehr, Anti-Terror Gesetze zum Beispiel. Überall.
"Vor Gericht und auf See bist Du in Gottes Hand"
Posted 3 months ago. ( permalink )
Roger Verhiest says:
Even worse : in Belgium there are also some mentally handicapped in prison, not enough room in the regular institutions ! Also the prisons are largly overcrowded - hopefully the future real governement will make it a point of "goed bestuur" (good governance) to finally empty the prisons
setting the people that don't belong there free as well as see to it that the miserable metnally handicapped persons get thir proper place ie. in institutions.

Ankoraŭ pli malbona : en Belgujo mensmalsanoj loĝas en malliberejo : manko de loko en institucioj
por mensmalsanoj ! Ankaŭ malliberejoj estas troloĝata : esperu sekvanta registraro trovas ke "bona rego" signifas malplenigi la malliberejoj de personoj kiu ne devas esti ci-tie...
Posted 3 months ago. ( permalink )

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