Marie, die kleine Tochter des Töpfers drückt die Stoffpuppe mit den gelben Wollhaaren fest an sich. Den ganzen Tag hatte sie schon gehofft, dass ihr älterer Bruder die Tür öffnet und sie in die Arme schließt. Ein Jahr ist bereits vergangen seit Christoph die Schifftorvorstadt gemeinsam mit einem der durchreisenden Kaufleute verlassen hat. Nun muss Marie jeden Tag allein an der Elbleite Holz und Reisig zusammenlesen, es zu kleinen Bündeln zu-sammenbinden und neben dem Brennofen im Haus abstapeln. Viel lieber würde sie stattdessen wie früher mit Christoph zu den Liegeplätzen an der Elbe gehen und zusehen, wie die Kähne entladen werden – oder Tannenzapfen sammeln. Der große Bruder fehlte ihr sehr.
Der Tisch vom Abendmahl ist bereits abgeräumt und nur noch kurze Zeit würde das Schifftor vor dem allabendlichen Amtsantritt des Nachtwächters passierbar sein – wenn doch endlich der Bruder nach Hause käme!
Plötzlich, die Kirchturmglocken haben 7 mal geläutet, sind Stimmen auf dem Platz vorm Haus auszumachen. Im Dämmerlicht sind in der Nähe des steinernen Brunnentroges nur die Umrisse mehrerer Männer zu erkennen.
Marie drückt sich ihre kleine Stupsnase fast an der Fensterscheibe platt, um ja nichts zu verpassen. Drei Gestalten, von denen eine einen offenbar schweren Sack schleppt, nähern sich dem Haus – oh Schreck – das muss der Nikolaus sein!
Maries Herz fängt ganz laut an zu pochen. Schnell weicht sie vom Fenster zurück und zieht sich in eine dunkle Zimmerecke zurück. Gesehen hatte sie ja den Nikolaus noch nie, aber die Eltern hatten ihr erzählt, dass in der Nacht des 5. Dezember der Nikolaus unterwegs sei, Ungehorsam des letzten Jahres mit der Rute bestrafe oder gute Taten mit kleinen Geschenken und Leckereien belohne.
War ihr nicht erst vor einer Woche einer der zum Trocknen im Regal stehenden Tonkrüge heruntergefallen und zerbrochen und hatte nicht Vater geschimpft, weil sie beim Holz Sammeln wieder einmal die Zeit vertrödelt hatte und viel später als erwartet nach Hause kam? Und sollte sie nicht jetzt eigentlich in ihrem Bettchen liegen und schlafen?
Als sich die Tür öffnet, erstarrt das kleine Mädchen und blickt mit offenem Mund auf die drei Männer, die das Haus betreten.
Dann löst sich mit einem Mal die ganze Anspannung, Marie stürmt mit einem lauten Jauchzer durch das Zimmer und fällt ihrem Bruder Christoph freudestrahlend in die Arme.
Während dessen verabschiedet sich der Vater von dem bärtigen kräftigen Mann, in dessen Begleitung Christoph gekommen war. Marie fiel ein, dass sie diesen Mann schon einmal gesehen hatte – es war der Kaufmann, der vor einem Jahr ihren Bruder in seine Obhut nahm, um ihn in die Geschicke des Handels einzuweisen.
An diesem Nikolausabend schien die Töpferstube in der Schifftorvorstadt besonders hell zu erstrahlen, war doch der größte Wunsch der kleinen Marie - auch ohne dem Nikolaus zu begegnen - in Erfüllung gegangen...
...Fortsetzung hier: http://www.ipernity.com/blog/106980/210067
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